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Stichwort : Zivilgesellschaft - Karriere eines Begriffs

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Was bedeutet Zivilgesellschaft? Im ursprünglichen Sinne meint der Begriff eine Gemeinschaft, die sich für ihre Demokratie verantwortlich fühlt. Wenn Politiker heute von Zivilgesellschaft reden, wollen sie, dass die Bürger tun, wozu der Staat nicht mehr willens oder in der Lage ist.

          Die intellektuelleren unter den Politikern wollen auf den Begriff seit Jahren nicht mehr verzichten. Auch Wissensmanager, Liberale und EU-Strategen führen es gern im Munde: das Wort von der Zivilgesellschaft. Das Konzept der civitas socialis ist alt, es geht mindestens bis auf John Locke zurück. Seit dem Fall der Berliner Mauer ist es aus dem öffentlichen Diskurs nicht mehr wegzudenken.

          Fasziniert blickte der Westen auf die friedliche Revolution in Osteuropa. Der Historiker Timothy Garton Ash hat ihr 1989 in seinem Buch „Ein Jahrhundert wird abgewählt“ ein Denkmal gesetzt. Zivilgesellschaft in Osteuropa, das waren für den Westen die regimefernen Gemeinschaften: Menschenrechtsgruppen, Kirchengemeinden und regimekritische Studenten-Gruppen. Die „civil society“ war in Osteuropa zum Losungswort der „gesellschaftlichen Selbstverteidigung“ geworden, wie es Otto Kallscheuer ausdrückte. Auf der Basis dieser Gruppen sollte der demokratische Neuaufbau der ost- und mitteleuropäischen Staaten stattfinden.

          Eric Hobsbawm machte sich in seinem Buch „Das Zeitalter der Extreme“ lustig darüber, dass es eine Zivilgesellschaft nur in Polen gab, wo Kirche und Gewerkschaft ihr Rückgrat bildeten. In den anderen Ländern bestand die Opposition „nur aus Intellektuellen: einer kleinen Operettenarmee aus Führungskräften, die sich nun für kurze Zeit an der Spitze von Völkern wiederfand und die wie bei den 1848er Revolutionen häufig Akademiker und Künstler waren“ - eine dürftige Basis für das, was Zivilgesellschaft meint: Demokratie und Common Sense, von der Bevölkerung gelebt.

          Gleichzeitig machte die „Zivilgesellschaft“ in den Sozialwissenschaften des Westens Karriere. Ihre Vordenker waren und sind Lord Ralf Dahrendorf, der lieber von Bürgergesellschaft spricht, und sein Nachfolger als Direktor der London School of Economics, Anthony Giddens. Sie attestieren auch dem Westen Nachholbedarf in Sachen staatsbürgerlichem Denken und Gemeinschaftssinn. Wo Bürger sich selbst und gegenseitig halfen, konnte sich der Staat mit gutem Gewissen aus vielem zurückziehen.

          Neben den Liberalen hat auch die antiautoritäre Linke Grund, den Begriff zu mögen, denn er schwächt den Staat. Der Soziologe Ulrich Beck, aber nicht nur er, sieht in der Zivilgesellschaft außerdem einen Hoffnungsschimmer für die Gesellschaft der Zukunft. In der sollen nach Horrorszenarien achtzig Prozent der Menschen arbeitslos sein. Diese Menschen sollen sich in der Zivilgesellschaft gegenseitig unter die Arme greifen und die Verantwortung für das Gemeinwesen leben.

          Heute sind Begriffe wie „Bürgergesellschaft“ und „Zivilgesellschaft“ die beliebtese Ausdrede für den Rückzug des Staates von wichtigen Aufgaben geworden. Auf die Frage, wie in einer individualistischen Gesellschaft Gemeinschaftssinn erzeugt werden könnte, hat jedoch noch niemand eine befriedigende Antwort gegeben.

          Trotzdem will den Begriff der Zivilgesellschaft niemand mehr missen. Es stillt ein heimatlos gewordenes Bedürfnis nach Solidarität. Wer diese Form von Zivilgesellschaft nicht nötig hat, ist froh drum. Wer sie benötigt, wird sie nicht besonders lieben.

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