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Steven Spielberg : Küss mich, Dummkopf!

Das Naheliegende ist ihm so fern: Leonardo DiCaprio und Amy Adams in „Catch me if you can” Bild: UIP

Sein neuer Film „Catch me if you can“ beweist: Steven Spielberg kann wirklich alles - außer Frauen inszenieren.

          Wetten, daß auch einem Saal voller Filmkritiker, die alle Spielberg-Filme gesehen haben, kein einziger Film einfallen wird, in dem sich eine große, strahlende, erotische Frauenrolle findet? Als der erfolgreichste Regisseur der Welt sein Erscheinen in Gottschalks Couchecke zusagte, da kündigte er als Begleitung auch nicht etwa seine Ehefrau, sondern Leonardo DiCaprio und Tom Hanks an, die beiden größten männlichen Kassenmagneten Hollywoods. Und wer sich ab Donnerstag "Catch me if you can" ansieht, muß weitersuchen.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Auch in der so elegant wie leichthändig inszenierten Geschichte vom unwiderstehlichen Charme eines Hochstaplers gibt es viel Geld, schnelle Autos und reichlich Playboy-Bunnies - aber keine verführerischen Frauen mit großen Gefühlen.

          Das Kino als Experimentierbaukasten

          Nicht einmal Feministinnen und Gender-Jünger scheinen ernsthaft registriert zu haben, daß in Spielbergs Universum vor lauter Sauriern, Robotern und Außerirdischen etwas fehlt: Erotik und die große Liebe. Klar, Julia Roberts hat in "Hook" (1991) mitgespielt, und aus Drew Barrymore, dem kleinen Mädchen in "E.T.", ist eine Schönheit geworden. Goldie Hawn verströmte vor vielen Jahren in "The Sugarland Express" (1974) eine leicht vulgäre Erotik, und nach "Indiana Jones und der Tempel des Todes" (1984) konnte man immerhin ahnen, warum Spielberg Kate Capshaw bald nach den Dreharbeiten heiratete. Doch was ist mit Julianne Moore oder Laura Dern, die eher fürchten als flirten und dabei in suppenschüsselgroße T-Rex-Augen schauen mußten?

          Daß Filmemachen vor allem heißt, mit schönen Frauen schöne Dinge zu tun, hat ausgerechnet François Truffaut gesagt, der das Hollywood-Kino liebte und in "Unheimliche Begegnung der dritten Art" (1977) einen Sprachforscher spielte. Bei Spielberg ist das Kino dagegen der größte Experimentierbaukasten, den je ein Junge hatte, und deshalb sind seine Helden Kinder oder Männer, die nicht erwachsen werden wollen wie Peter Pan.

          Kein Knistern für DiCaprio

          Die Frauen sind zumeist Mütter oder entrückte, geschlechtslose Wesen, und wo Sexualität auftaucht, ist sie eher bedrohlich. Diese weiblichen Wesen leben, wie zuletzt in "Minority Report" (2002), in einem idyllischen Haus am See, wo das Licht heller und sanfter ist, während die Männer eine bläulich-kalte, technoide Welt bewohnen.

          Deshalb läßt sich über Steven Spielberg sagen: Er kann im Kino alles bis auf eines. Er kann im selben Jahr, 1993, "Jurassic Park" und "Schindlers Liste" drehen, er kann innerhalb der letzten achtzehn Monate mit "A.I. - Künstliche Intelligenz", "Minority Report" und "Catch me if you can" drei sehr erfolgreiche Filme ins Kino bringen. Doch er scheitert daran, dem größten Mädchenschwarm der Welt, Leonardo DiCaprio, in 140 Minuten eine einzige, knisternde erotische Szene zu verschaffen. Keiner jener magischen Blicke, die im Kino zugleich die Augen des Zuschauers treffen wie die des Gegenübers auf der Leinwand, kein Moment höchster Entflammbarkeit.

          Als nur Fliegen noch schöner war

          Auch Frank Abagnale, dessen wahre Geschichte der Film erzählt, kann alles bis auf das Eine. Zwischen seinem 16. und 21. Lebensjahr fälschte er Schecks im Wert von zweieinhalb Millionen Dollar, er narrte die Polizei in zahlreichen Ländern, indem er mit unglaublicher Chuzpe einen Flugkapitän, einen Arzt und einen Anwalt verkörperte, aber auch einen Secret-Service-Agenten oder einen College-Lehrer improvisierte. Frank ist ein nostalgischer Held, dessen Karriere 1964 beginnt, im selben Jahr, als Blake Edwards erstmals seinen "Pink Panther" losließ, dem der Vorspann von "Catch me if you can" eine schöne Hommage erweist. Flugreisen galten noch als Sex in der Luft, Flugbegleiterinnen hießen noch Stewardessen, und James Bond war ein amtliches Rollenmodell.

          Alles dreht sich in dieser Welt ums Make-believe. Wenn DiCaprio in dunkelblauer Uniform, im weißen Kittel oder hellen Sommeranzug seine Umwelt etwas glauben macht, was er nicht ist, macht er es zugleich uns glauben. Ein professioneller Schauspieler, der ein Naturtalent spielt, das zwischen seinen Rollen im Alltag virtuoser wechselt als jeder Profi. DiCaprio fühlt sich dabei sichtbar wohler als in Scorseses "Gangs of New York". Doch was seine Figur quält, das macht all die Leichtigkeit und den Charme, die Luftschlösser und Hochstapeleien zum Deckbild eines Traumas. Denn Frank ist, wie so viele Spielberg-Kinder, ein Scheidungskind. Als sich die Eltern trennen, haut er ab.

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