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Stephen Hawking als Kultfigur : Tod eines Zeitreisenden

Albert Einstein, Stephen Hawking und Isaac Newton zu Besuch bei Star Trek. Bild: action press

Wissenschaftler werden selten Kultfiguren, Stephen Hawking aber war eine. Viele Jahre lang hinterließ er seine Spuren in Film, Musik und Popkultur.

          3 Min.

          Einsteins weltbekanntes Zungenfoto schmückte schon T-Shirts, Postkarten und Jutetaschen. Sonst aber werden Wissenschaftler, wenn sie mit ihren Theorien nicht gerade das Verständnis der Welt verändern, selten zu Kultfiguren. Niels Bohr, Werner Heisenberg, Hans Bethe gehören zu den bedeutendsten Physikern der Geschichte – die wenigsten Menschen hätten einen von ihnen auf der Straße erkannt.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Stephen Hawking hingegen war schon früh präsent. Sein Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“ machte ihn 1988 weltberühmt, verkaufte sich mehr als zehn Millionen Mal und begründete einen Kult, der bis zu seinem Tod am heutigen Morgen anhielt. Schon 1991 verarbeitete der Regisseur Errol Morris Hawkings Leben und Wirken zu einer Dokumentation, in der Hawking die Ideen seines Buches so verständlich darstellte, dass auch diejenigen eine Chance hatten, ihm zu folgen, die beim Lesen gescheitert waren. 1998 lud Präsident Bill Clinton Hawking zu einem Besuch ins Weiße Haus, der in eine Diskussion über Kosmologie und theoretische Physik mündete.

          Als Hologramm spielt Hawking 1993 in „Star Trek“ eine Runde Physiker-Poker mit Albert Einstein, einem humorlosen Isaac Newton, der sich als schlechter Verlierer erweist, und dem „Star Trek“-Charakter Data. Einstein provoziert ihn: „Die Unschärferelation wird Ihnen nicht helfen.“ Hawking gewinnt trotzdem.

          In den „Simpsons“, die ein Jahr nach der Veröffentlichung von „Eine kurze Geschichte der Zeit“ ins Fernsehen kommen, hat der Physiker 1999 seinen ersten Auftritt als gelbe Comicfigur in der Folge „Sie retteten Lisas Gehirn“. Die für ihr Umfeld viel zu intelligente achtjährige Simpsons-Tochter Lisa gründet mit dem Ansinnen, aus ihrer Heimatstadt Springfield ein Utopia der Gescheiten zu machen, eine kleine Denkergruppe, die sich mehr über ihre Intelligenzquotienten streitet, als gemeinsam an Visionen zu arbeiten. Hawking kommt zu Besuch und zeigt sich enttäuscht, die Bewohner von Springfield seien von ihrem Streben nach Macht verdorben und hätten kein utopisches Potential. Immerhin Homers Theorie eines donutförmigen Universums, einer Anspielung auf die Theorie eines ringförmigen Universums, beschließt er nachzugehen.

          Mit diesem Gastauftritt ist Hawking in der Popkultur angekommen. Noch dreimal besucht sein Comiccharakter Springfield und tritt auch in der Nachfolge-Serie des „Simpsons“-Erfinders Matt Groening, „Futurama“, auf. 2012 erscheint er, wieder in seiner menschlichen Gestalt, in der „Big Bang Theory“ seinen größten Fans, den zerstreuten Physikern Sheldon (Jim Parson) und Leonard (Johnny Galecki). Sheldon stellt ihm seine Theorie zu Higgs-Teilchen vor, Hawking wirft einen Blick darauf – und überführt sie eines arithmetischen Fehlers.

          Hawking studiert in der Serie „Big Bang Theory“ Sheldons Theorie und findet auf Seite zwei den ersten Fehler.

          Mehr noch als seine wissenschaftliche Arbeit verhalf Hawking seine bemerkenswerte, unangepasste Persönlichkeit zum Kultstatus. Einen Anteil hatte auch die Krankheit, die ihn sein Erwachsenenleben begleitete und zu seinem Merkmal wurde. „Die Leute brauchen einen Einstein-Charakter, an dem sie Gefallen finden können“, schrieb Hawking auf seiner Website. „Aber mich mit Einstein zu vergleichen, ist lächerlich. Sie verstehen weder Einsteins Arbeit noch meine.“

          Dennoch gefiel es ihm, wenn die Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet war. Schon 1994 trat er in einem Werbespot des britischen Telekommunikationsunternehmens BT auf. 2013 war er in einem Werbeformat für die Versicherungs-Vergleichsseite „Go Compare zu sehen. Bei solchen Gelegenheiten perfektionierte er markige Sprüche wie: „Die größten Errungenschaften der Menschheit sind durch Reden möglich geworden. Die größten Misserfolge, weil nicht geredet wurde.“ Dann schaute er dabei zu, wie sich seine Zitate verselbständigten. Den Werbespruch zur Bedeutung der Kommunikation arbeitete die Band Pink Floyd auf ihrem Album „Division Bell“ in einen Song ein. 2014 ist die Stimme von Hawkings Sprachcomputer wieder auf einem Pink Floyd-Album zu hören, auch „Talking Hawking“ spielt mit dem Zitat des Wissenschaftlers.

          Wissenschaftlern seiner Disziplin machte die Popularität Stephen Hawkings es schwer, Kritik an seiner Arbeit zu üben. Die Sorge, als Neider wahrgenommen zu werden, war verbreitet. Dass er als Physiker in der Öffentlichkeit stand, diente letztlich jedoch der Sache. Und half außerdem dabei, die Krankheit ALS ins Bewusstsein der Menschen zu rücken.

          Seinen Oscar für „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ widmete der Schauspieler Eddie Redmayne 2014 der Hawking-Familie und ihren Kampf gegen die Erkrankung des motorischen Nervensystems. Der Erfolg des Films erwies sich als weitere Bestätigung, dass Leben und Wirken des Wissenschaftlers noch immer von gesellschaftlichem Interesse sind – eine Vergewisserung, die Hawking sicherlich gut getan hat.

          Natürlich konnte einer der größten Physiker der Geschichte nicht still und heimlich aus der Welt scheiden. Er starb am Geburtstag von Albert Einstein, und seine Videobotschaft zum Abschied ist auch eine letzte Überraschung für seine Anhänger. Er ging mit einer Aufforderung an die Bewohner der Welt, die zu verstehen ihn sein Leben lang beschäftigt hatte: „Bleiben sie neugierig.“

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