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Stéphane Hessel legt nach : Wen die Frauen an die Hand nehmen

Vierundneunzig und kein bisschen leise: Stéphane Hessel am 10. Februar in Berlin Bild: Polaris/laif

Er mahnt mit Haltung. Der Autor des Bestsellers „Empört euch“ erzählt sein Leben und zieht Bilanz. Zur Ratgeberliteratur gehört Stéphane Hessels jüngstes Buch dennoch nicht.

          Er wurde spät zu einem berühmten Mann. Und weil sich Stéphane Hessels Berühmtheit der schmalen Schrift „Empört Euch“ verdankt, die vor eineinhalb Jahren erschien, hat der Pattloch-Verlag das Signalwort gleich auch in den Titel des jüngsten Buchs von Hessel gepackt: „Empörung - meine Bilanz“. Was man nicht so verstehen darf, dass es in ihm um die Wirkung des millionenfach verkauften Appells ginge. Selbst wenn zu Beginn sein durchschlagender Effekt für das Leben seines mittlerweile Vierundneunzigjährigen Verfassers resümiert wird.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Geschichte dieses späten Ruhms ist auch erstaunlich genug. Sie beginnt mit einer kurzen Rede, in der Stéphane Hessel als Veteran der französischen Résistance an die Grundsätze erinnerte, auf die sich die politisch divergierenden Gruppen der Widerstandsbewegung unter der Führung von General de Gaulles „Freiem Frankreich“ für die Nachkriegsordnung geeinigt hatten. Genau diese Grundsätze einer republikanisch-demokratischen Gesellschaft mit einer gerechten Verteilung von Lebenschancen, intakten sozialen Grundsicherungen und einem auch ökonomisch durchgesetzten Vorrang des Allgemeininteresses sah Hessel durch die Herrschaft des Geldes außer Kraft gesetzt. Darauf sollte der Widerstand der Bürger, ihre Empörung reagieren. So wie sich der Widerstand im Krieg gegen die Besatzer gerichtet habe, selbst wenn damals die Fronten natürlich klarer gezogen waren.

          Eine moralische Autorität

          Aus der Rede wurde die Broschüre, die loszischende Rakete, wie Hessel im Rückblick schreibt. Hunderttausende von Exemplaren waren in Frankreich rasch verkauft, später sollten es noch mehr als zwei Millionen werden. Aber überraschender war, dass die Broschüre auch in anderen europäischen Staaten, Deutschland allen voran, zu einem großen Erfolg wurde. Obwohl vieles sich daran zuerst als sehr französische Angelegenheit ausgenommen hatte: zumal der Rekurs auf die geeinte Résistance, der nicht zuletzt eine deutliche Verwahrung gegen deren forcierte Inanspruchnahme durch Nicolas Sarkozy war.

          Aber der Appell ließ sich offensichtlich von dieser Verknüpfung trennen. Vor dem Hintergrund der Finanzkrise traf Hessels Anprangerung einer verkehrten Welt, in der wirtschaftliche Partikularinteressen vor staatsbürgerliche Ansprüche gehen, auf akute Befürchtungen. Die Kritik mochte denkbar allgemein formuliert sein, doch sie war von einer überzeugenden moralischen Autorität gedeckt. Es folgte ein Bändchen mit Gesprächen, die eindrucksvolle Autobiographie von 1997 wurde neu aufgelegt, die von ihm einige Jahre zuvor zusammengestellte Gedicht-Anthologie fand einen kleinen deutschen Verlag, ein biographischer Versuch über ihn erschien, und das gemeinsam mit Edgar Morin verfasste Manifest zu einer neuen „Politik für unser Land“ liegt inzwischen auch bereits in Übersetzung vor.

          Lebenslehren und Maximen

          Und nun also noch einmal eine Bilanz, nicht autobiographisch im strikten Sinn, aber doch beständig auf eigene Lebenserfahrungen zurückkommend. Sie sind der eigentliche Stoff, denn in konkrete Programmatik kann und will Hessel seine grundsätzlichen Appelle an bürgerschaftliches Engagement nicht münzen. Einen Ratgeber für öffentliches Engagement hatte sich seine Verlegerin von ihm gewünscht - es spricht für ihn, dass sein Buch das in einem handfesten Sinn nicht geworden ist.

          So wie für ihn auch die Ungelenkheit spricht, mit der er manche Lebenslehren und Maximen formuliert. Der vierundneunzigjährige Hessel ist beim Erzählen aus seinem Leben noch etwas unbefangener geworden als der achtundsiebzigjährige Diplomat im Ruhestand, der seinen Lebensrückblick unter dem Titel „Tanz mit dem Jahrhundert“ schrieb. Wie etwa in den Passagen, die dezent davon erzählen, wie reife Frauen das Heft in die Hand nahmen, um den jungen Mann mit einigen Geheimnissen für den späteren erotischen Weg vertraut zu machen. Und gleich darauf erhält man unter der bedeutungsschweren Überschrift „Eros und Thanatos“ einen Wink in magistralem Tonfall: „Wichtiges über die Liebe mit all ihren Aspekten wie auch über die existenzielle Kraft poetischer Phantasie erfahren wir aus der griechischen Mythologie.“

          Was sich so wenig bezweifeln lässt wie die Feststellung, dass „die Wahrheit der Existenz in der untrennbaren Einheit von Vernunft und Leidenschaft besteht“, Unrecht durch „etwas ersetzt werden muss, das besser mit der Freiheit und Würde des Menschen zusammenstimmt“, und es schön wäre, „das Wesen der Globalisierung und ihre Tiefenwirkung auf den Geist und das Funktionieren der Menschen“ zu erfassen. Obwohl das in einer „komplexen, völlig ungewissen Epoche totaler Interferenz“ nicht leicht ist. Die Worte, man merkt es schon, darf man nicht auf die Goldwaage legen. Einen Schriftsteller hat man nicht vor sich, auch keinen Theoretiker oder gewieften Analytiker der Gesellschaft. Aber einen einnehmenden Mann, der auch die ihm zugefallene öffentliche Rolle des alten und welterfahrenen Mahners mit Haltung zu bewältigen weiß.

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