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Stalins Nachwelt : Ein Diktator als Bildredakteur

  • -Aktualisiert am

Die Lenin-Illustration der „Welt“ vom vergangenen Freitag Bild: Die Welt

Die „Welt“ erklärt uns, warum auch Lenin ein Hooligan war. Die Zeitung ist damit ganz auf Linie mit dem alten Schiedsrichter Stalin, der Leo Trotzki einst die rote Karte zeigte.

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          Am vergangenen Freitag stand ein lehrreicher fußballfeuilletonistischer Artikel in der „Welt“. Darin erfuhr man viel über die Herkunft und die wirren Wortverwandtschaftsverhältnisse des ruppigen Ausdrucks „Hooligan“, in dem der ballsportbesoffene wie der gelegenheitsrebellische und schließlich sogar im strengen Sinn politische Grobianismus einen griffigen Namen gefunden hat.

          Der historische Hooligan, den die Zeitung dazu abgebildet hat, ist der russische Brachialphilosoph und Förderer waffenbegünstigter Auswege aus sozialpartnerschaftlichen Engpässen Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin. Über diesen Mann soll, so informiert uns die Bildlegende, der Schriftsteller Maxim Gorki, der ihn mal mehr, mal weniger schätzte und mit ihm zwar nie Tischfußball, aber doch hin und wieder Schach gespielt hat, gesagt haben, jener höre sich, wenn er zu den Massen rede, an wie ein Hooligan (das entfesselte, auch in Sportstadien gelegentlich auf die Meute losgelassene Gebrüll des bei heutigen Fußballfans aus dem gewaltbereiten Spektrum erheblich beliebteren Hitler konnte Gorki, als ihm diese Zuschreibung entfuhr, nicht auf der Rechnung haben).

          Lenin im Sturm, Trotzki im Abseits

          Das Bild, das die „Welt“ zu dieser Legende abgedruckt hat, zeigt Lenin auf einer robust zusammengezimmerten Tribüne, wie er unter freiem Himmel irgendetwas mitteilt, das vermutlich die eigene Mannschaft für das Achtelfinale gegen den Imperialismus, die Bourgeoisie, Saboteure, Diversanten, reaktionäre Kleriker und verbliebene Zarentreue zu Wachsamkeit und Elan anhalten soll. Das Bild ist retuschiert.

          Auf dem Original steht nahe bei dieser Kanzel der Mitbegründer der Roten Armee, Lew Dawidowitsch Bronstein, genannt Trotzki. Der hat, wie Kickerhistoriker wissen, beim Trainerwechsel des Vereins „Dynamo Bolschewismus“ nach Lenins Ableben den kurzen Strohhalm gezogen und wurde auf Befehl des neuen ersten Mannes, Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin, bald aus der Clubgeschichte gelöscht, danach mehrfach gefoult, mitsamt seinen Pokalen und Trikots aus der Sowjetunion gejagt und schließlich in Mexiko umgebracht.

          Dass die „Welt“ sich der Anordnung Stalins, Trotzki habe es nie gegeben, noch heute beugt, ist bei einer langjährigen Inhaberin aller antikommunistischen Meistertitel wie ihr mindestens ein Eigentor.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

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