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Maler Guido Reni im Städel : Beleuchter göttlicher Schauspiele

Formvollendetes Pasticcio aus einem sehr michelangelesken Arm bei ihm und Renis berühmtem, hier aber unendlich gelangweilten „himmelnden Blick“ bei ihr: Des Malers „Bacchus und Ariadne“ mit Capri-Fischern rechts im Hintergrund, um 1614-16. Bild: LA County Museum

Im siebzehnten Jahrhundert war kein Maler teurer als Guido Reni, im neunzehnten vergaß man ihn fast. Wie „göttlich“ er wirklich war, zeigt nun das Städel Museum in Frankfurt.

          5 Min.

          Der 1575 in Bologna geborene und 1642 auch dort gestorbene Barockmaler Guido Reni hat mit seinem Nachleben eine Hollywoodlaufbahn vollführt: From hero to zero to hero, eine Achterbahnfahrt von ganz oben nach sehr weit unten und nun wieder empor. Noch in Renis siebzehntem Jahrhundert, 1678, befand sein erster bedeutender Biograph, der Adelige und eifrige Besucher von Renis Atelier Carlo Cesare Malvasia: „Kein Museum hält man für vollständig, keine Galerie für beachtenswert, die vom großen Guido nicht wenigstens ein Stück besitzt.“

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Im neunzehnten Jahrhundert dagegen krähte kaum ein Hahn mehr nach dem schon zu Lebzeiten als „göttlich“ Bezeichneten. Der damals als noch viel göttlicher, weil vergeistigter und subtiler erachtete Raffael und Renis mythologiestärkerer Lehrer Lodovico Carracci wurden weit über den barocken Überschwang des Bolognesen gestellt, dessen Werke teils sogar aus den Galerien genommen. Von dort und sechzig anderen Leihgebern kommen nun erstaunliche Stücke nach Frankfurt, die die Ausstellung im Städel Museum, 34 Jahre nach der letzten Präsentation in der Stadt, mit 130 eigenhändigen Werken des Malers tatsächlich zur größten jemals gezeigten zu Renis Gemälden, Zeichnungen und Druckgraphiken macht.

          Farbfeuerwerke ohne Konkurrenz

          Ob Vergöttlichung oder Vergessen be­rech­tigt waren, war bei diesem Maler, man muss es so vage sagen, meist Geschmacksache. Auf einem frühen Hauptwerk, der vom Städel-Museumsverein zum zweihundertsten Bestehen des Hauses 2015 geschenkten „Himmelfahrt Mariae“, jetzt das erste Bild der Schau auf der Auftaktwand links, erweist sich, warum: Auf eine Kupferplatte gemalt, strahlen die Farben metallisch klar, das Blau des aufflatternden Marienmantels unterseeisch azurblau, die durch dunkle Wolken brechenden goldenen Strahlen überirdisch stark, als prassle wie in der Mythologie bei Danaë eine Wand unausgesetzten Goldregens auf die Muttergottes herab – tatsächlich verzichtet Reni völlig auf die Heiliggeisttaube, Gottvater in Menschengestalt sowie Christus –, allein sein Goldlicht vermag die Maria im Himmel aufnehmende Trinität zu verkörpern.

          Noch vor der Jahrhundertwende 1599 gemalt, sind solche Farbfeuerwerke ohne wirkliche Konkurrenz und prägten nordalpine Italienreisende wie Rubens massiv. Überraschend – oder auch nicht – finden sich im Reigen der knabenhaften Putten um die Muttergottes auch sehr raffaeleske Engel: Von dem längst verstorbenen Meister lernen hieß schließlich auch achtzig Jahre später noch siegen lernen. Doch ist bei diesem frühen Werk und vielen späteren auch nicht auszublenden, was ausgerechnet das durchaus pa­thos­affine neunzehnte Jahrhundert an dem tiefreligiösen Maler störte, der auf Abertausenden Einlegebildchen in katholischen Gebetbüchern durch den erst beginnenden, noch unzulänglichen Farbdruck zusätzlich ins Grell-Süßliche verschoben wurde: Es geht bei Reni selten ohne das hohe Pathos, die Tränendrüse ab.

          Sie empfängt den göttlichen Goldregen mit weit geöffneten Armen: Guido Renis „Himmelfahrt Mariens“, 1599. Bilderstrecke
          Barocker Guido Reni im Städel : Höchste Zeit für eine Wiederentdeckung

          Die Äuglein der Frankfurter Madonna und der anderen fünf Himmelfahrten im ersten Saal sind rotgeweint, selbst Tränensäcke der Dauerrührung hat der Maler ihr mitgegeben. Doch hier muss die Ehrenrettung einsetzen: Bolognesen sind bis heute begnadete Händler des Möglichen mit ei­nem wunderbar galligen Humor, und Re­ni, pathologisch spielsüchtig, kannte menschliche Abgründe nicht nur aus den allabendlich aufgesuchten Spielhöllen. Frauen duldete er nur zum Modellsitzen in seinem Haus, ansonsten fürchtete er permanent, vom anderen Geschlecht vergiftet zu werden, während er seine Mutter als mariengleich vergötterte.

          Bevor es auf der Frankfurter Himmelfahrt zur divinen Aufnahme kommt, muss die Gottesmutter erst derb wie auf eine Stufe auf das Haupt eines etwas älteren Engels treten, der wie ein Ringer bei dieser sehr haptisch-materiellen Assumptio in einer Art Befreiungs­ges­te ihren azurblauen Mantel berührt und ihr offenbar ein Zeichen seiner Überforderung geben will. Archäologen wiederum würden sagen, dass mit ihm ein Atlant oder der Firmamentgott Coelus zitiert und transformiert sein könnte. In jedem Fall zeigt sich, dass es sich bei Reni um hohes, aber nicht hohles Pathos handelt.

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