https://www.faz.net/-gqz-vx41
 

Stadtschloss : Fehlstart in Berlin

  • -Aktualisiert am

Wie es aussehen soll, ist klar - wie das zu schaffen ist, nicht: das Berliner Stadtschloss im Modell Bild: dpa

An diesem Donnerstag soll der Bundestag die Modalitäten des Wettbewerbs für das Berliner Humboldt-Forum gutheißen. Doch warum sollen allein routinierte Großbüros in der Lage sein, das Stadtschloss wieder aufzubauen?

          Seit dem Wettbewerb zum Umbau des Reichstags im wiedervereinigten Deutschland hat es keine bedeutendere Ausschreibung gegeben als die nun anstehende: An diesem Donnerstag soll der Bundestag die Modalitäten des Wettbewerbs für das Berliner Humboldt-Forum, sprich: das wieder aufzubauende Stadtschloss gutheißen. Von „einer der bedeutendsten kulturellen Bauaufgaben Deutschlands“ spricht Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee - und von einem drohenden Desaster sprechen der Bund Deutscher Architekten (BDA) sowie die neue „Bundesstiftung Baukultur“. Letztere nicht offiziell, denn sie ist auch drei Monate nach der Konstitution noch nicht restlos arbeitsfähig. Doch wird ein Einspruch vorbereitet, der bei einer Sitzung des Stiftungsrats am kommenden Freitag, also einen Tag zu spät, beschlossen werden soll.

          Anstoß nehmen BDA und Bundesstiftung daran, dass der Ausschreibungstext die Wettbewerber auf Büros mit mindestens 500 000 Euro Jahresumsatz in den letzten drei Jahren beschränkt. Nur so glaubt man, die ebenfalls im Text geforderten „international renommierten, mit Bauaufgaben kultureller Großprojekte im historischen Kontext vertrauten Architektinnen und Architekten“ gewinnen zu können.

          Originalität, nicht Routine müsste entscheiden

          Ein schöner Zug, dieses Vertrauen in die Erfahrung. Aber auch ein weltfremder. Dafür liefert der Reichstag den Abgeordneten, die heute die Weichen zum Wiederaufbau des Schlosses stellen sollen, das beste Beispiel: Lord Norman Foster, damals und erst recht heute Inhaber eines Büros von Weltgeltung und Millionenumsatz, gewann 1991 den Wettbewerb mit einem Entwurf, von dem nichts übrigblieb, als der Umbau vollendet war. Statt des prämierten gigantischen Baldachins über einem entkernten Reichstag schwebt nun Fosters futuristische Kuppel über einem mit noblem Hightech-Design gefüllten historischen Gebäude. Wer wollte bestreiten, dass der Reichstag, so wie er heute dasteht, ein herrlicher Bau ist! Nachdenklich aber stimmt, dass seine Gestalt Ergebnis von unendlich vielen Kompromissen ist, die Lord Norman Foster einging, ohne zu zögern.

          Was beim Reichstag glückte, könnte beim Schloss zur Bruchlandung werden. Zu viele widersprüchliche Forderungen, zu viele Extrempositionen - von der lückenlosen Rekonstruktion bis zur pseudobarocken Fassadenhülle um eine Technologie-Box - prallen hier aufeinander. Nein, für den Wiederaufbau des Schlosses müssen phantasievolle Entwürfe gefunden werden, denen es gelingt, zwischen barocker und zeitgenössischer Architektur, Schlosserinnerung und Humboldt-Zukunft sichtbar und elegant zu vermitteln.

          Zusammengestoppelter Flickenteppich oder Gesamtkunstwerk aus Originalen, Faksimiles und Neubau? Eine wirklich überzeugende Lösung wird sich nur durch einen offenen Wettbewerb finden lassen. Originalität, nicht Routine entscheidet. Und erstere findet sich ebenso oft, wenn nicht häufiger bei wagemutigen Büros, bei noch nicht arrivierten, ideenreichen und ambitionierten Architekten, die unbelastet vom Schwergewicht der globalen Omnipräsenz und Verfügbarkeit an die Arbeit gehen. Man muss nicht Begeisterung gegen Erfahrung ausspielen. Aber beide sollten in diesem wichtigen Wettbewerb ihre Chance haben. Dass eine Bundesstiftung den Bund - wohl vergeblich - daran erinnern muss, ist grotesk.

          Topmeldungen

          Spahns Notfallplan : Fast schon verdächtig viel Zustimmung

          Der Gesundheitsminister will Kassenärzte und Krankenhäuser zur Zusammenarbeit zwingen – und erhält dafür Lob von allen Seiten. Doch bei der Umsetzung sperren sich die Verantwortlichen noch.
          Hat sich zum Zwei-Prozent-Ziel der Nato-Staaten bekannt: Annegret Kramp-Karrenbauer

          Akks Wehretat : Der Streit schwelt weiter

          Die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bekräftigt das Ziel der Nato, dass die Verteidigungsausgaben steigen sollen. Das provoziert Widerstand – in der Opposition und selbst beim Koalitionspartner.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.