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Stadtschloss-Debatte : In Berlin: Streit der Generationen

  • -Aktualisiert am

Schlossplatz-Entwurf von Axel Schultes Bild: Axel Schultes Architekten

Am Donnerstag entscheidet der Deutsche Bundestag über die Frage der Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses. In Berlin wird öffentlich gestritten.

          2 Min.

          In dieser Woche nun entscheidet der Deutsche Bundestag über die Frage, ob das Berliner Schloss wiederaufgebaut werden soll. Die Debatte währt seit zwölf Jahren - ist da nicht längst alles gesagt?

          Scheinbar nicht von jedem. Die „Gesellschaft Historisches Berlin“ (GHB) lud am Samstag zu einer Podiumsdiskussion ins Märkische Museum: „Ist Rekonstruktion erlaubt?“ lautete ihr Titel. Und wieder erregten sich die Gemüter. Dabei war die Frage nur rhetorischer Natur. Schließlich hatte die mittlerweile 1.800 Mitglieder starke GHB 1991 als „Gesellschaft zur Wiederherstellung, Restaurierung und Erhaltung kulturhistorisch wertvoller Gebäude“ begonnen.

          Auf dem Podium: Rekonstruktionsskeptiker

          Überdies saß auch Wilhelm von Boddien auf dem Podium, der einst mit seiner Schlossattrappe den Stein ins Rollen gebracht hatte. Dennoch versprach die Diskussionsrunde einiges, war sie doch ebenso prominent wie kompetent besetzt. Der britische Architekt David Chipperfield restauriert nicht nur das Neue Museum, sondern ist auch für den Masterplan der Berliner Museumsinsel verantwortlich; HG Merz sanierte die Alte Nationalgalerie so prächtig, dass das Auditorium ihn mit großem Applaus begrüßte, und Adrian von Buttlar ist der streitbare Vorsitzende des Berliner Landesdenkmalrates.

          Die Rekonstruktionsskeptiker waren damit in der Überzahl. Sie stimmten darin überein, dass nur im Einzelfall entschieden werden könne, ob eine Rekonstruktion erlaubt sei, und dass dafür genügend Originalsubstanz vorhanden sein müsse. Mit dieser Überzeugung blieben die drei jedoch ziemlich allein. Nicht nur Wilhelm von Boddien widersprach heftig, auch das vollbesetzte Auditorium sah das anders - und äußerte dies vehement.

          Unterschiedliche Perspektiven der Generationen

          Mehr als einmal wurden die Architekten gescholten, sie ließen es an der „Verbeugung gegenüber dem historischen Genius“ eines Schlüters, Schinkels oder Stülers fehlen. Und ihr Wunsch, die Spuren und Verletzungen der Geschichte an der Architektur sichtbar zu halten, widerspräche der menschlichen Natur. Sie heile schließlich Wunden und schaffe das Schöne. Vielleicht ist es einfach eine Generationsfrage.

          Die Mitglieder der GHB sind im deutlich fortgeschrittenen Alter. Während die jüngere Generation die Zerstörungen von Krieg und Nachkrieg akzeptiert und auch dem, was später gebaut wurde, als historischem Zeugnis eine Existenzberechtigung zugesteht, kommt diese Vorstellung für viele der älteren Generation einem Affront gleich.

          Alte oder junge (Stadt)- Gesichter

          Es wäre - so hat es den Anschein - eine persönliche Niederlage für sie, wenn die Folgen des heißen und kalten Krieges nicht revidiert würden. So haftet ihrem Protest, der oft sehr emotional daher kommt, ein latent revanchistischer Zug an. Als HG Merz dafür warb, die Spuren von Geschichte ebenso zu achten wie die Falten im Gesicht eines alten, aber ehrwürdigen Menschen, verlor er deutlich an Sympathie.

          Auch die von Adrian von Buttlar aufgeworfene Frage, warum Verlorenes rekonstruiert werden soll und welche politischen Dimensionen das impliziere, wurde nur mit dem Hinweis auf ästhetische Gründe beantwortet: Man wünsche sich eben das Schöne und Gute zurück - was sei daran verkehrt? Selten lässt sich jemand so hinreißen wie die elegante Dame aus dem Publikum, die sich für die Rekonstruktion des Dresdner Neumarkts einsetzt: Denn Dresden sei „der Kristallisationspunkt der zusammengebombten Deutschen“, weshalb es eine „moralische Verpflichtung“ gebe, das alte Dresden wiedererstehen zu lassen. Man könne doch nicht „den Zerstörern das letzte Wort lassen“.

          Skeptiker ohne Applaus

          Es war der Brite Chipperfield, der daraufhin dem Publikum den Spiegel entgegenhielt: „Wie können Sie es denn rechtfertigen, den Palast der Republik abzureißen? Wie können Sie es rechtfertigen, Geschichte zu revidieren? Machen Sie damit nicht etwas, was 1950 mit dem Abriss des Schlosses genauso gemacht wurde?“

          Und: Zeuge es nicht von intellektueller Faulheit, wenn wir uns der Nostalgie hingeben und einfach das wiederholen, was einmal in einem glücklichen Augenblick der Geschichte gewesen ist, und dafür tatsächliche, aber unliebsam vielgestaltige Geschichte ausmerzen? Applaus erhielt er dafür nicht.

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