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Berliner Stadtschloss : Wir tummeln uns am sandigen Strand der Spree

Axel Schultes, den man schon von weitem daran erkennt, dass er zu jeder Tages- und Nachtzeit die Kragenecken seiner Hemden nach oben klappt, als wolle er angesichts der gebauten Scheußlichkeiten um ihn herum in seinem Hemd versinken, hat Erfahrungen mit dem Scheitern von Monumentalformen: Er hat das Berliner Kanzleramt entworfen, das eigentlich nur den Kopf über eine dichte neue Stadtbebauung strecken sollte, aber weil die nie gebaut wurde, steht Merkels Amtssitz nun wie der Palast eines zentralafrikanischen Despoten in der Leere am Tiergarten und schaut böse auf Braunfels Abgeordnetenhaus, dessen Neonröhrenkunst ihm nachts alberne Fratzen in die spiegelnde Fassade zaubert.

Berlin, das weiß nicht nur Schultes, hat sich mit seinen großen Kästen fast immer übernommen, aber es hängt an ihnen wie an einer Zwangsvorstellung: Deutlich mehr als eine halbe Milliarde für einen Schlossnachbau mit Abluftfassade nach Osten. Fast eine halbe Milliarde für eine Museumsrochade, darunter eine neue Gemäldegalerie, weil man die maßgeschneiderte, erst 1998 eingeweihte Gemäldegalerie am Kulturforum jetzt für einen Fehler erklärt, dann der Flughafen – in Berlin werden die Millionen heiter in Hunderterbündeln in die Baugruben geworfen, es ist wie auf den Osterinseln: Die Bauten werden immer höher, größer, irrer.

Besiedlung einer Ruine

Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag des „Sterns“ lehnen rund zwei Drittel aller Deutschen den Aufbau des Schlosses ab. Wie macht man das, was schon da ist, jetzt trotzdem zu einem „wahrhaftigen Haus des Volkes“, wie es der Ex-Bauminister Ramsauer forderte? Dafür gibt es Beispiele aus jenem Land, das das heimliche oder auch offene Vorbild all derer ist, die gegen die sogenannten Verwüstungen der Moderne das Bild einer kleinteiligen, intakten europäischen Stadt setzen: aus Italien.

Wenn man dort erkannte, dass man sich mit einem Großprojekt verhoben hatte, machte man nicht einfach zähneknirschend weiter wie im Falle des Humboldt-Forums, von dessen Unschärfe („Das Humboldtforum wird zum Ort des menschlichen Miteinanders, der historischen Reflexion und des kulturellen Dialogs.“) sich mittlerweile auch seine euphorischsten Initiatoren aus der Wissenschaft abwenden. Man ließ die Sache als Ruine stehen und schaute, was passierte. Man überließ sie dem Volk.

Alles noch Futur: Computergrafik des Stella-Entwurfs zum Schlüterhof des Humboldt-Forums
Alles noch Futur: Computergrafik des Stella-Entwurfs zum Schlüterhof des Humboldt-Forums : Bild: ddp

So geschah es mit dem zentralen Schiff des Sieneser Duomo Nuovo: Man hatte die Seitenwände und -pfeiler schon gebaut, da kam die Pest von 1348, dann funktionierte die Dachkonstruktion nicht, Banken gingen ein, sodass man den Plan aufgab. Und plötzlich nisteten sich Häuser zwischen den schon gebauten Bögen ein, die Innenwand wurde zur Außenwand der Häuser und Läden, das geplante Schiff zu einem Platz, der Piazza Jacopo della Quercia.

So könnte es auch mit dem Schlossfragment gehen. Man sollte es einfach so stehenlassen, wie es jetzt aussieht, und die Berliner in dem sandigen Betongeviert Häuser, Läden, Werkstätten, Clubs und Ateliers bauen lassen – all das, was von der Stadtwerbung unverdrossen als Essenz des lebendigen neuen Berlins gefeiert wird, aber trotzdem zugunsten von Townhouses und Renditeobjekten aus dem Zentrum der Stadt herausgentrifiziert wurde. Eine Besiedlung der neuen Schlossruine wie die eines Riffs, statt einer feudalen Megastruktur mit fragwürdiger Füllung, wäre die zeitgemäße Form der ersehnten Kleinteiligkeit und Funktionsmischung, die die europäische Stadt angeblich so lebenswert macht, es wäre die wirkliche Wiederauferstehung der kleinteiligen Ostfassade.

Und wenn dann noch die Großstadtdüne dazukäme, von der Schultes träumte: Dann wäre Berlin schon fast dort, wohin sich der barocke Schlossbauer Schlüter träumte: Im Heimatland des Barock, in Italien, tief im Süden, wenn nicht sogar in einer außereuropäischen lebendigen Welt.

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