https://www.faz.net/-gqz-7nm35

Berliner Stadtschloss : Wir tummeln uns am sandigen Strand der Spree

Rohbau der Verwaltungszentrale eines Basler Pharmakonzerns? Das übliche Berliner Betonkistenelend? Falsch: Hier wird das Stadtschloss der Hauptstadt gebaut Bild: Jens Gyarmaty

Die Betonwände des Stadtschlosses von Berlin stehen schon. Für die barocke Fassade wird das Geld hauptstadttypisch erst mal nicht reichen – und unter dem Schloss wird schon ein Freibad geplant.

          6 Min.

          Wenn in Berlin über eine Großbaustelle gesprochen wird, dann geht es in der Regel um den halbfertigen Flughafen Berlin-Brandenburg International, der trotz aller Beteuerungen des Flughafenchefs Hartmut Mehdorn und des üblichen Machtjanix-Gebrummes von Bürgermeister Klaus Wowereit nie fertig zu werden scheint, weswegen eine Gruppe verärgerter Berliner seit ein paar Tagen Unterschriften für das Volksbegehren „Wowereit Rücktritt“ sammelt – wegen des Flughafendesasters und Wowereits Verständnis für seinen steuerhinterziehungsfreudigen Kulturstaatssekretär André Schmitz, erklärte der Sprecher der Initiative, Felix Herzog, im Radio, und auch wegen der Mieten und der Vorgänge am Schloss.

          Niklas Maak
          (nma.), Feuilleton

          Genau: das Stadtschloss. Da war mal was. Die zweite Großbaustelle. Da wurde jahrelang gestritten, die Debatte füllt inzwischen so viele Zeitungsseiten und Videokassetten und Tonbänder, dass man daraus leicht das Schloss in Originalgröße aufstapeln könnte, der Bundestag entschied schließlich, das Schloss müsse wieder her; im vergangenen Jahr hatte man einen Grundstein gelegt, Präsident Gauck hatte sein feierlichstes Gesicht aufgesetzt und Wowereit das Schloss einen „Leuchtturm“ genannt, einen kulturellen (die Schiffer an der Nordsee würden sich schön bedanken für solche Leuchttürme), und mit der Grundsteinlegung schien die Diskussion ein für allemal beendet.

          Wer schaut nicht gern in ein Abluftgitter?

          Schien. Denn im vergangenen Jahr gab es, nachdem die Ostalgiker und Modernisten erfolgreich vom Schlossplatz gejagt worden waren, einen ordentlichen Krach im Nostalgielager: Das bisher gegen die Anhänger des Palasts der Republik geeinte Feld teilte sich in Anhänger des Schlossentwurfs des Italieners Franco Stella, der die pittoreske und nicht rekonstruierbare historische Ostfassade durch eine sehr – nun ja: rationalistisch moderne Rückfassade ersetzen will. Das kommt vor allem im Osten nicht gut an, wo man vor dem Mauerfall auf die kühle Moderne des Palasts der Republik schaute und jetzt statt einer anheimelnden Schlossfassade wie als hämischen Witz einen noch kühleren italienischen Razionalismo vorgesetzt bekommt – so, als ob die feinen Verzierungen wie damals als Exportprodukt in den Westen gehen und der Osten mal wieder nur ins Abluftgitter schauen darf.

          So soll es mal werden. Wird es so? Gipsmodell vom Berliner Stadtschloss
          So soll es mal werden. Wird es so? Gipsmodell vom Berliner Stadtschloss : Bild: dpa

          Dagegen macht der Architekt Stephan Braunfels mobil, der Stellas Fassade nicht mag und vorschlug, sie einfach wegzulassen, wodurch aus dem Kasten bautypologisch ein französisches „Hôtel“ werden würde, mit einer Geste der Öffnung nach Osten. Jetzt fliegen im Lager der siegreichen Schlossfreunde die Kapitelle. Es geht darum, welcher Schlossentwurf noch schlossiger wäre, und die Berliner, die sich schnell langweilen und noch schneller aufregen und deswegen gern Volksbegehren anzetteln, gründeten vor ein paar Wochen die Bürgerinitiative „offenes Schloss“, um die geplante Ostfassade zu verhindern.

          Vor einigen Tagen begann die Unterschriftensammlung, was bei Bundesbauten nicht viel bringt – es gehe aber auch vor allem darum, Druck zu erzeugen, gab Michael Knoll, Leiter des Berliner Büros der Hertie-Stiftung, der lokalen Presse zu Protokoll. Die Stellarianer sind außer sich, eine Umplanung des nach jetzigen Hochrechnungen 590 Millionen Euro teuren Schlosses würde 200 Millionen mehr kosten, das Schloss werde dann, so ein Sprecher des Schlossvereins, ein Himmelfahrtskommando wie der neue Flughafen. Da war er, der böse Vergleich. Könnte es auch passieren, dass an der Spree gar kein Schloss entsteht, sondern nur eine teure Ruine? Oder etwas ganz anderes?

          Am soliden Kleid in Schlossoptik wird schon genäht

          Wenn man hinfährt zum Schlossplatz, trifft man dort immerhin auf eine Baustelle. Auf dem Bauzaun steht ein dutzendmal, als wolle man es den Berlinern und den Touristen ein für allemal einhämmern: „Hier wird ein Schloss gebaut! Hier wird ein Schloss gebaut! Hier wird ein Schloss gebaut! Hier wird...“ Man muss es auch öfter gesagt bekommen, denn das, was hinter dem Bauzaun in die Berliner Luft ragt, sieht nicht wie ein Schloss aus, sondern eher wie der Rohbau der Hauptzentrale eines Schweizer Pharmakonzerns oder ein Wiederaufbau der Berliner Mauer als quadratischer Erlebnisparcours: Betonwände, mal massiv, mal mit scharfkantigen Fensteröffnungen.

          Von den Handwerkskünsten und guten alten Materialien, die einem versprochen wurden, rauher Backstein, Putz wie von Manufactum angerührt, gemeißelten Figuren und Kapitelle: keine Spur. Wenn morgen ein paar Lastwagen mit Glasscheiben und Fertigdächern kämen, wäre das hier der ultimative Albtraum des alten Senatsbaudirektors Stimmann: nicht die kleinteilig parzellierte, lebendige, aus lokalem Back- und Sandstein zusammengemeißelte Stadt des 19. Jahrhunderts, sondern ein maßstabloser Riesenkasten, seelenlose Investorenarchitektur.

          Schon klar: In der Spandauer Schlossbauhütte wird unter Hochdruck gearbeitet, um den Betonkasten mit einem soliden Kleid in Schlossoptik zu ummanteln – wenn das Geld dann mal zusammenkommt. Trotzdem ist der sichtbare Betonkern des Schlosses für Freunde des authentischen Alten ein unguter Anblick, es ist, als hätte man aus Zeitnot einen trockenen Fertigtortenboden aus dem Supermarkt gekauft und schnell ein bisschen Sahnecreme drumrumgeschmiert: Sieht aus der Entfernung wie eine echte Torte vom Konditor aus, schmeckt halt nur nicht.

          Könnte es dem Schloss ähnlich ergehen, trotz Füllung mit Humboldtcreme? Achtzig Millionen braucht man für das Barockfassadenimitat, das Geld soll aus Spenden zusammenkommen, etwas über zwanzig Millionen sind schon da, das reicht etwa für eine Fassade. Wenn man jetzt eine wegließe, wie Braunfels vorschlägt – obwohl...

          Rauher Backstein, Putz wie von Manufactum angerührt, gemeißelte Figuren und Kapitelle: Von den guten alten Materialien, die uns versprochen wurden, noch keine Spur
          Rauher Backstein, Putz wie von Manufactum angerührt, gemeißelte Figuren und Kapitelle: Von den guten alten Materialien, die uns versprochen wurden, noch keine Spur : Bild: Jens Gyarmaty

          Vielleicht baut das Schicksal oder ein böser Berliner Spreedamön hier auch längst etwas ganz anderes. Bis jetzt stehen ein paar Außenwände, die den Umriss des alten Schlosses markieren, und davor, zur Spree hin, liegt ein Riesenhaufen Sand, den der Frühlingssturm gerade in eine Wanderdüne verwandelt – und genau das hatte der Berliner Architekt Axel Schultes vor ein paar Jahren vorgeschlagen: Einfach nur ein paar Außenwände, eine künstliche Ruine bauen und einen Riesenhaufen Sand hineinschütten. Eine Düne mitten in der Stadt, die durch den weiten Platz wandert, Fahrbahnmarkierungen überweht, im Sommer als Treffpunkt, Liegewiese, Aussichtspunkt, Kinderspielplatz, Ort für Konzerte und Lesungen dient; ein Ort, so überhitzt wie die Länder, die Humboldt bereiste.

          Am Strand und in den Dünen treffen sich Arme und Reiche, dank Badekleidung ist keiner als dieser oder jener erkennbar, es gibt selten Ärger, der Strand ist eine soziale Utopie. Es gibt ja ernste Pläne einer Initiative namens „Flussbad“, den Kupfergraben, einen Spreearm an der Museumsinsel, durch eine pflanzliche Filterzone so weit zu reinigen, dass unterhalb des Schlossplatzes ein öffentlicher Badestrand, das Flussbad, entstehen könnte.

          Bauten wie auf den Osterinseln

          Berlin unterstützt das Projekt; wenn es nach den offiziellen Plänen geht, sähe man hier also bald oben außereuropäische Einbäume und unten aufblasbare Gummiboote – es sei denn, die Braunfelsianer bekommen sich mit den Stellaristen so in die Wolle, dass es tatsächlich zu einem Baustopp kommt, oder das Geld für die Fassaden kommt nicht zusammen und das Humboldt-Forum wird wegen völliger Unausgegorenheit abgeblasen – und dann würde das Schloss vielleicht genau das Rudiment bleiben, das man jetzt sieht, Außenwände und eine Düne darin: dann hätte sich Schultes’ Entwurf sozusagen selbst gebaut. Und wäre das schlimm?

          Axel Schultes, den man schon von weitem daran erkennt, dass er zu jeder Tages- und Nachtzeit die Kragenecken seiner Hemden nach oben klappt, als wolle er angesichts der gebauten Scheußlichkeiten um ihn herum in seinem Hemd versinken, hat Erfahrungen mit dem Scheitern von Monumentalformen: Er hat das Berliner Kanzleramt entworfen, das eigentlich nur den Kopf über eine dichte neue Stadtbebauung strecken sollte, aber weil die nie gebaut wurde, steht Merkels Amtssitz nun wie der Palast eines zentralafrikanischen Despoten in der Leere am Tiergarten und schaut böse auf Braunfels Abgeordnetenhaus, dessen Neonröhrenkunst ihm nachts alberne Fratzen in die spiegelnde Fassade zaubert.

          Berlin, das weiß nicht nur Schultes, hat sich mit seinen großen Kästen fast immer übernommen, aber es hängt an ihnen wie an einer Zwangsvorstellung: Deutlich mehr als eine halbe Milliarde für einen Schlossnachbau mit Abluftfassade nach Osten. Fast eine halbe Milliarde für eine Museumsrochade, darunter eine neue Gemäldegalerie, weil man die maßgeschneiderte, erst 1998 eingeweihte Gemäldegalerie am Kulturforum jetzt für einen Fehler erklärt, dann der Flughafen – in Berlin werden die Millionen heiter in Hunderterbündeln in die Baugruben geworfen, es ist wie auf den Osterinseln: Die Bauten werden immer höher, größer, irrer.

          Besiedlung einer Ruine

          Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag des „Sterns“ lehnen rund zwei Drittel aller Deutschen den Aufbau des Schlosses ab. Wie macht man das, was schon da ist, jetzt trotzdem zu einem „wahrhaftigen Haus des Volkes“, wie es der Ex-Bauminister Ramsauer forderte? Dafür gibt es Beispiele aus jenem Land, das das heimliche oder auch offene Vorbild all derer ist, die gegen die sogenannten Verwüstungen der Moderne das Bild einer kleinteiligen, intakten europäischen Stadt setzen: aus Italien.

          Wenn man dort erkannte, dass man sich mit einem Großprojekt verhoben hatte, machte man nicht einfach zähneknirschend weiter wie im Falle des Humboldt-Forums, von dessen Unschärfe („Das Humboldtforum wird zum Ort des menschlichen Miteinanders, der historischen Reflexion und des kulturellen Dialogs.“) sich mittlerweile auch seine euphorischsten Initiatoren aus der Wissenschaft abwenden. Man ließ die Sache als Ruine stehen und schaute, was passierte. Man überließ sie dem Volk.

          Alles noch Futur: Computergrafik des Stella-Entwurfs zum Schlüterhof des Humboldt-Forums
          Alles noch Futur: Computergrafik des Stella-Entwurfs zum Schlüterhof des Humboldt-Forums : Bild: ddp

          So geschah es mit dem zentralen Schiff des Sieneser Duomo Nuovo: Man hatte die Seitenwände und -pfeiler schon gebaut, da kam die Pest von 1348, dann funktionierte die Dachkonstruktion nicht, Banken gingen ein, sodass man den Plan aufgab. Und plötzlich nisteten sich Häuser zwischen den schon gebauten Bögen ein, die Innenwand wurde zur Außenwand der Häuser und Läden, das geplante Schiff zu einem Platz, der Piazza Jacopo della Quercia.

          So könnte es auch mit dem Schlossfragment gehen. Man sollte es einfach so stehenlassen, wie es jetzt aussieht, und die Berliner in dem sandigen Betongeviert Häuser, Läden, Werkstätten, Clubs und Ateliers bauen lassen – all das, was von der Stadtwerbung unverdrossen als Essenz des lebendigen neuen Berlins gefeiert wird, aber trotzdem zugunsten von Townhouses und Renditeobjekten aus dem Zentrum der Stadt herausgentrifiziert wurde. Eine Besiedlung der neuen Schlossruine wie die eines Riffs, statt einer feudalen Megastruktur mit fragwürdiger Füllung, wäre die zeitgemäße Form der ersehnten Kleinteiligkeit und Funktionsmischung, die die europäische Stadt angeblich so lebenswert macht, es wäre die wirkliche Wiederauferstehung der kleinteiligen Ostfassade.

          Und wenn dann noch die Großstadtdüne dazukäme, von der Schultes träumte: Dann wäre Berlin schon fast dort, wohin sich der barocke Schlossbauer Schlüter träumte: Im Heimatland des Barock, in Italien, tief im Süden, wenn nicht sogar in einer außereuropäischen lebendigen Welt.

          Weitere Themen

          Gebt die Festung dem Volk

          Stasi-Zentrale in Leipzig : Gebt die Festung dem Volk

          Die einstige Bezirkszentrale der Stasi gehört zu den wenigen baulichen Relikten der DDR in Leipzigs Stadtzentrum. Nun soll alles umgestaltet werden. Aber wie – und wofür?

          Die Schwestern

          FAZ Plus Artikel: Elsass : Die Schwestern

          Straßburg oder Colmar? Beide Städte sind dank makellos erhaltener Altstädte Nabelpunkte des elsässischen Tourismus. Einander würdigen sie mit herzlich gepflegter Nichtbeachtung. Doch jetzt beginnt ein Wettkampf städtebaulicher Großprojekte und innovativer Verkehrskonzepte.

          Topmeldungen

          Eine Fahrradstraße in Barcelona

          Stadtentwicklung : Die Vision der 15-Minuten-Stadt

          Arbeit, Läden, Kultur: Alles soll in der Nähe liegen wie in einem Dorf innerhalb der Stadt. Die Idee erscheint verlockend. Aber wollen die Bürger das überhaupt?
          Rentner an der Côte d'Azur in Nizza.

          F.A.S. exklusiv : Corona steigert die Rente

          In der Corona-Krise sinken die Löhne, dann steigen sie wieder. Allein das führt dazu, dass die Rentenversicherung künftig jedes Jahr zusätzliche Milliarden auszahlt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.