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Stadtplanung : Make Potsdam schön again

Gerade erst aus einem riesigen 3D-Drucker gepoltert

Trotzdem wurde über die Fachhochschule viel Unfreundliches gesagt. Der nicht aus dem Osten, sondern aus Ostfriesland stammende Potsdamer Bürgermeister Jann Jakobs (der sich, laut „Potsdamer Neuer Nachrichten“, in Plattners „Villenkolonie“ am Jungfernsee ein Grundstück gesichert hat) nannte sie einen „Schandfleck“. Man hat den Bau so verfallen lassen, dass er nun tatsächlich leicht schrottig an der Ecke steht wie ein verschrammter Oldtimer zwischen fabrikneuen Limousinen.

Aber wie im Falle des Oldtimers ist man über diese Spuren ganz froh – denn wenn hier etwas so aussieht, als ob es schon länger da sei, als ob das Leben daran seine Spuren hinterlassen hätte, und als ob es nicht eben erst aus einem großen 3-D-Drucker auf den Platz heruntergepoltert wäre – dann ist es eben dieses Gebäude. Womit wir bei einem grundlegenden Problem wären: Dort, wo im Umfeld von echten Barockbauten Rekonstruktionen errichtet werden, infiziert das Glatte und Synthetische des neuen Baus die Glaubwürdigkeit des Alten: Alles sieht plötzlich wie ein Nachbau, ein Themenpark aus. Dass Rom so ist, wie es ist, liegt auch daran, dass nicht jede Generation alles weggerissen hat, was die davor gebaut hatte, sondern zumindest so viel stehenließ, dass sich die eigenen, neuen Sachen umso effektvoller davon abhoben. So wie auch ein paar Schritte entfernt vom echten Palazzo Barberini in Rom die Architektur des 20. Jahrhunderts den Kontrast bildet, vor dem der Palast umso lebendiger und barocker aussieht, so schadet auch in Potsdam die Moderne dem neuen Hochglanzbarock nicht – sie verhindert, dass man am Ende auf einem Platz steht, der wie eine gebaute Computeranimation aussieht.

Die komplette Auslöschung der DDR

Ein Problem der Avantgarde-Architekten des frühen 20. Jahrhunderts war ihr Vernichtungseifer: Sie wollten nicht nur ein gutes neues Haus in die Stadt stellen, sie wollten die bestehende Stadt komplett abreißen: Nichts, was vorherige Generationen schön fanden, durfte überleben, kein anderer Geschmack durfte sich behaupten; alle Menschen sollten in einem brandneuen Gesamtkunstwerk leben. Einige radikale Freunde der „europäischen Stadt“ haben den Modernen diesen Vernichtungseifer zu Recht vorgeworfen – um ihn unter umgekehrten Vorzeichen fortzusetzen: Wie schon in Berlin, wo sämtliche Repräsentationsfassaden der Ostmoderne mit dem immer gleichen Sandsteinmäntelchen verhängt wurden, sollen auch hier alle Spuren der Moderne verschwinden – besonders, wenn sie vom besiegten System hinterlassen wurden.

Darf vorerst stehenbleiben: Der „Mercure“-Turm.
Darf vorerst stehenbleiben: Der „Mercure“-Turm. : Bild: ZB

Was man am Alten Markt versucht, ist die komplette Auslöschung all dessen, was zu Zeiten der DDR gebaut wurde, und das ist nicht nur ein Akt der Herzlosigkeit gegenüber denen, die hier in den siebziger und achtziger Jahren ihre Zeit verbracht und vielleicht ein paar schöne Erinnerungen an den Ort haben; es nimmt auch denen, die nach Potsdam kommen, die Chance, seine Geschichte zu verstehen. Es sind ja vor allem der aus Westdeutschland stammende Bürgermeister und ein paar sehr wohlhabende, ebenfalls aus dem Westen zugezogene Neu-Potsdamer, die hier ihre Vorstellung von einem preußischen Arkadien durchkämpfen, eine Vorstellung, die ihre Wurzeln im biederen westdeutschen Wendehammer-Dasein hat, in der Welt des Nachbarschaftsstreits, in der keine Störung der eigenen Geschmacksvorlieben geduldet wird.

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