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Stadtgärtnereien : Der Bürger ist immer der Gärtner

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Die größte Herausforderung besteht heute darin, die divergierenden Bedürfnisse zu integrieren: Ein zum Wohnhaus umgebautes Gewächshaus. Bild: Andreas Pein

Stadtgärtnereien leisten einen wichtigen Beitrag zum kommunalen Leben. Sie gestalten Parks und Friedhöfe oder kümmern sich um die Sicherheit von Spielplätzen. Wäre da nicht das Finanzierungsproblem.

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          Das Sommerbeet auf dem Falkenplatz in der Schweizer Bundesstadt ist auch in diesem Jahr ein Traum. „Stadtgrün Bern“ hat einen Gartenraum wie aus dem Lehrbuch geschaffen. Die Pflanzen sind exakt aufeinander abgestimmt und für die Jahreszeit ideal ausgewählt. Gertrude Jekyll, die geniale englische Gartenarchitektin, wäre begeistert!

          Für die vertikalen Strukturen sorgen der rotblättrige Wunderbaum (Ricinus communis), die gelbe Sonnenblume (Helianthus annuus), das silbergrüne Federborstengras (Pennisetum setaceum), die dunkelrote Hirse (Pennisetum glaucum) und eine buschige gelbe Dahlie. In der Fläche wirken in Gruppen gepflanzte kirschrote und gelbe Sonnenhüte (Rudbeckia hirta). Leuchtende Farbtupfer geben die purpurrote Buntnessel (Plectranthus scuthellarioides) und ein zierlicher Salbei mit scharlachroten Blütentrauben (Salvia coccinea). Eingefasst wird das Beet von niedrigwachsendem, hellgelbem Sonnenhut, der die Einheit der Komposition betont, von orange blühenden Zinnien (Zinnia angustifolia), der Neuseeland-Segge (Carex comans) und der Ziersüsskartoffel (Ipomoea ,Sweetheart Light Green‘), die mit ihrem hellgrünen Laub die Farbwirkung der blühenden Pflanzen unterstreicht.

          Dass wir uns in vielen Städten an öffentlichen Grünflächen ganzjährig erfreuen und Parkanlagen intensiv zur Erholung nutzen können, verdanken wir Stadtgärtnereien. Auch wenn in der Bevölkerung und in der politischen Klasse unstrittig ist, dass der Städtebau gartenplanerische Anliegen berücksichtigen muss, hängen die Gestaltungsmöglichkeiten von der finanziellen Situation der jeweiligen Kommune ab. In Bern belaufen sich die Nettokosten auf etwa zwanzig Millionen Franken im Jahr. Größere Stadtgärtnereien sind inzwischen Unternehmen, die in Konkurrenz zu privaten Anbietern arbeiten und kostenpflichtige Dienstleistungen erbringen.

          Ursprung in der Industralisierung

          Die Anfänge der städtischen Gärtnereien liegen im neunzehnten Jahrhundert, als das ungebremste Wachstum vieler Städte im Zuge der Industrialisierung das Bedürfnis nach urbanen Grünanlagen verstärkte; die romantische Hoffnung auf Versöhnung mit der Natur beflügelte entsprechende Initiativen ebenso wie hygienische und sozialpolitische Interessen. Aufklärerische Projekte aus dem achtzehnten Jahrhundert, als herrschaftliche Gärten für die Bevölkerung geöffnet wurden, waren Vorbilder. Erholung und Vergnügen im Grünen sollte nun aber nicht mehr allein dem flanierfreudigen Bürgertum gewährt werden, sondern auch ärmeren Schichten. Hinzu trat die Absicht, die aufstrebende Stadt durch prächtige Parks, breite Alleen und kunstvolle Esplanaden adäquat zu inszenieren.

          Die Mittel waren zunächst bescheiden. Die städtische Gärtnerei in Bern startete 1877 mit einem Mitarbeiter. Die sukzessive Ausdehnung der Zuständigkeiten ließ den Personalstamm deutlich anwachsen. Heute sind an der Aare zweihundert Beschäftigte in Lohn und Brot. Diese Entwicklung ist repräsentativ: Die Betriebe kümmern sich um die Gestaltung von Parks und die Pflege von Grünflächen, aber oft auch um die Sicherheit von Spielplätzen, den Bau von Sportanlagen und die Gestaltung von Friedhöfen. Zugleich sind die Ansprüche der Bevölkerung an die Grünanlagen gestiegen, und die Belastung durch den Klimawandel hat zugenommen.

          Die größte Herausforderung besteht heute darin, die divergierenden Bedürfnisse zu integrieren. Langfristigen Erfolg haben die Anstrengungen aber nur, wenn sich Bürger für das öffentliche Grün engagieren. Die Bürgergärtner dürfen nicht nur ihren eigenen Garten kultivieren, sondern müssen den Aktivitäten der steuerfinanzierten Stadtgärtnereien mit wachem – und kritischem – Interesse begegnen.

          Es genügt nicht, herrlich blühende Rabatten von Unrat freizuhalten; man sollte sich unter professioneller Anleitung aktiv an der Pflege der städtischen Natur beteiligen. Wer nicht systematisch invasive Neophyten bekämpfen will, kann bei sommerlicher Trockenheit Straßenbäume gießen. Kleine Freiflächen am Straßenrand laden auch Mieter zur Bepflanzung ein. Gärtnerische Initiative im öffentlichen Raum ist eine ökologische Pflicht und eine sozialintegrative Aufgabe. Und wer keinen grünen Daumen oder keine Zeit hat, der kann immerhin eine Pflanzenpatenschaft übernehmen.

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