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Stadtarchiv-Einsturz in Köln : Nach Gründen tauchen

Nicht nur die Bierflasche, auch Blumenkränze, Gedenkblätter und Kerzen werden von den Kölner Abfallwirtschaftsbetrieben gewissenhaft entsorgt. Bild: dpa

„Et hätt noch emmer joot jejange“ - dieses Kölner Grundgesetz gilt seit dem Einsturz des Stadtarchivs vor fünf Jahren nicht mehr. Der letzte Beweis für die wahrscheinliche Schadensursache steht noch aus.

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          In Köln gibt es viele, die es mächtig nervt, dass fast immer, wenn es um ihre Stadt geht, aus dem „Kölschen Grundgesetz“ zitiert wird. Es ist ja auch wirklich nicht schön, die Stadt durch die Wiederholung von Sinnsprüchen wie „Et kütt wie et kütt“ oder „Et hätt noch emmer joot jejange“ auf das Humoristische und Leichtfertige zurückgeworfen zu sehen. Wie ernst die Kölner Lage seit fünf Jahren tatsächlich ist, versucht Guido Kahlen am Montagmorgen deutlich zu machen – indem er das „Jrundjesetz“ heranzieht. Der Kölner Stadtdirektor glaubt nämlich, dass Artikel zwei („Es kommt, wie es kommt“) und Artikel drei („Es ist noch immer gutgegangen“) seit dem 3. März 2009 keine Geltung mehr haben.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          An jenem Tag vor fünf Jahren stürzte das Kölner Stadtarchiv an der Baugrube der künftigen U-Bahnhaltestelle Waidmarkt ein. Zwei junge Männer kamen ums Leben, mehr als 100 Personen wurden auf einen Schlag obdachlos, weil 36 Wohnungen in angrenzenden Häusern schwer beschädigt wurden. An den Gebäuden und vor allem am wertvollen Archivgut entstand ein Schaden in Höhe von rund einer Milliarde Euro. Die Stadt, so schien es, hatte ihr Gedächtnis verloren.

          Jahrestags-Pressekonferenz hat Tradition

          Dass der Einsturz mit dem U-Bahn-Bau zusammenhängt, gilt schon lange als sicher. Wie genau es aber zur Katastrophe kam, steht immer noch nicht fest. „Wir haben zugegebenermaßen Zeit verloren“, sagt der Stadtdirektor am Montag auf der großen Jahrestags-Pressekonferenz, die schon zu einer Kölner Tradition geworden ist. Tatsächlich war die Bergung der wertvollen Archivalien enorm aufwendig. Zudem musste die Baugrube stabilisiert werden. Und um gründlich Ursachenforschung betreiben zu können, musste schließlich auch noch ein sogenanntes Besichtigungsbauwerk errichtet werden, das nun in den kommenden Woche eine wichtige Rolle spielen soll. Nun aber werde es nicht mehr lange dauern, verspricht Kahlen. „Voraussichtlich in zehn Monaten wird die Ursache aufgeklärt sein.“ Vorsichtshalber schiebt er dann aber doch lieber noch eine Einschränkung hinterher: „Nach heutigem Stand der Erkenntnisse.“

          Eine Schlitzwand hatte demnach durch „Ausführungsfehler“ der beauftragten Bauunternehmer 17 bis 20 Meter unter der Straßenoberfläche ein Loch. Durch dieses Loch soll Wasser in die Baugrube gedrungen sein, das wiederum große Mengen Sand aus dem Grund unter dem Stadtarchiv mit sich riss. Das sei die „wahrscheinlichste Schadensursache“, sagt Kahlen. Der letzte Beweis stehe aber noch aus.

          Ein Extra-Bauwerk zur Beweissicherung

          Klarheit sollen die Untersuchungen des vom Kölner Landgericht bestellten Gutachters Hans-Georg Kempfert bringen. Voraussichtlich im März werden Spezialtaucher aus den Niederlanden versuchen, die Schadstelle unterhalb des Grundwasserspiegels ausfindig zu machen. Speziell für diesen Beweissicherungseinsatz musste ein Besichtigungsbauwerk errichtet werden. „Wir gehen davon aus, dass wir ein Loch in der Schlitzwand finden werden“, sagt Jörn Schwarze, der technische Vorstand der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB). Die Bilder des Tauchgangs werden in einen Raum übertragen, damit alle Seiten, also auch die beschuldigten Bauunternehmen, die Beweissicherung in Echtzeit verfolgen können. Die Spezialisten sollen aber nicht nur das vermutete Loch ausfindig machen, sondern auch den Grund bis tief hinab untersuchen. Weist der Grund keine Schäden auf, kann nämlich ausgeschlossen werden, dass der Einsturz des Archivs durch einen sogenannten plötzlichen Grundbruch verursacht wurde. Umgekehrt gilt: Ist ein Grundbruch die Ursache, träfe die Bauunternehmen keine Schuld.

          95 Prozent des Archivguts geborgen

          Stadtdirektor Kahlen ist sich sicher, dass auch Artikel 4 des „Kölschen Grundgesetzes“ („Was fort ist, ist fort“) nicht mehr gilt. Schließlich hätten 95 Prozent des Archivguts nach der Katastrophe geborgen werden können. Und bis heute sind zahlreiche Fachkräfte damit befasst, die Urkunden aus mehr als 1000 Jahren Kölner und rheinischer Geschichte zu sichern und zu rekonstruieren. Bei der Restaurierung hat es große Fortschritte gegeben, wie Bettina Schmidt-Czaia, Leiterin des Historischen Archivs, berichtet. „Allerdings wird unser schriftliches Kulturerbe für immer die Spuren des 3. März 2009 tragen.“ Zudem wird ihr Archiv „noch immer Asylbewerber“ sein. Erst Anfang 2019 soll das neue Kölner Stadtarchiv bezugsfertig sein – nach bisherigen Planungen.

          Bis dahin ist Schmidt-Czaia auf „Asylarchive“ überall in Deutschland angewiesen. Vom Sommer an soll der größte Teil der Bestände dann allerdings vorübergehend im nordrhein-westfälischen Landesarchiv in Düsseldorf untergebracht werden.

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