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Staatsmänner : Mein Turkmenistan, meine Mama

Möge sein Volk gedeihen wie er: Saparmurad Nijasow, Präsident und Dichter Bild: dpa

Saddam Hussein und Mao können im Club der dichtenden Politiker ein neues Mitglied begrüßen: Turkmenistans Präsident hat einen Gedichtband geschrieben.

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          Deutsche Politiker dichten nicht. Norbert Blüm schreibt zwar Kinderbücher und Horst Ehmke Kriminalromane, womit beide erst gegen Ende ihrer Politkarriere begonnen haben, ein lyrisches Werk haben aber auch sie nicht verfasst. Aktive Politiker betätigen sich hierzulande allenfalls dann als Verseschmiede, wenn sie den „Orden wider den tierischen Ernst“ verliehen bekommen, und das hört sich - etwa beim FDP-Chef - so an: „Willst du fit sein auf die Schnelle, komm zu Guido Westerwelle.“ Ordentliche Literatur-Preise gibt es dafür nicht.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Anderswo ist die literarische Produktivität der Politiker weit höher, was wiederum an den höheren Ambitionen liegt. Während sich unsere Volksvertreter oft mit ein wenig Macht zufriedengeben, huldigen ihre Kollegen anderswo zudem der Muse - und verbinden dies nicht selten auch mit einer Mission. So denken gerade Staatsoberhäupter beim Dichten nicht nur an sich selbst, auch das Volk soll etwas davon haben - nämlich ihre Bücher. Und die sollen dann möglichst auch alle lesen.

          Ode an Mama

          Da ist zum Beispiel der Dichter Saparmurad Nijasow, der im Hauptberuf Präsident Turkmenistans ist. Das ist ein kleines Land in Mittelasien, welches seit seiner Unabhängigkeit von Nijasow regiert wird. 1992 wurde er ins Amt gewählt und vor kurzem zum Präsidenten auf Lebenszeit ernannt. Weil er so beliebt ist, könnte man meinen; weil es in Turkmenistan mit der Demokratie noch nicht so weit her ist, muss man sagen. Daher lächelt Nijasows rundliches Konterfei von nahezu jedem turkmenischen Haus, das breit genug ist.

          Und daher wird auch Nijasows soeben veröffentlichter Lyrikband in seinem Heimatland mit Sicherheit ein Bestseller werden. Bei uns ist das Werk noch nicht erhältlich, die Moskauer Zeitung „Kommersant“ aber kolportiert schon mal die Kapitel-Titel, die nahelegen, dass Nijasow das gute alte Führer-Prinzip „L'État c'est moi“ beherzigt: „Mein Turkmenistan“ etwa oder „Das Schicksal der Turkmenen ist mein eigenes“ oder auch, so schlicht wie ergreifend: „Mama“. Das Buch selbst aber heißt: „Möge mein Volk gedeihen“.

          Auf den Spuren Saddam Husseins

          Ob dieser Wunsch in Erfüllung geht? Es scheint nämlich dort die künstlerische Freiheit der Herrscher am größten zu sein, wo die tatsächliche Freiheit der Beherrschten am geringsten ist. So durften - beziehungsweise mussten - die Iraker bereits drei Romane lesen, die von einem anonymen Autor stammen, bei dem es sich, wie jeder Bürger weiß, um Saddam Hussein handelt. Die Trilogie umfasst die Bände „Zabibah und der König“, eine tragische Liebesgeschichte, „Die uneinnehmbare Festung“, eine Art Landeskunde, sowie „Die Männer und die Stadt“. Letzteres ist der Bildungsroman über einen 1937 (wie Saddam Hussein) geborenen Iraker, der sich Saleh Hussein al Madschid nennt. Schlüsselroman-Experten werden eine Nähe zum Präsidenten Saddam Hussein al Madschid vermuten.

          Auch Mao Tse-Tung, gleichfalls kein Musterdemokrat, versuchte sich als Dichter. In seinem Werkverzeichnis findet sich unter anderem das Poem „Gespräch zweier Vögel“, das mit den eindrucksvollen, allerdings auch etwas befremdlichen Zeilen endet: „Hör' auf mit diesem Furz! Sieh', die Welt wird umgewälzt.“ Sofern wir der im Internet entdeckten Übersetzung Glauben schenken wollen.

          Mehr als Mao

          Womöglich aufgrund realistischer Einschätzung seines Talents beließ es Mao bei 37 Gedichten. Eine größere Zahl dürfte Saparmurad Nijasow schon in seinem Debütband versammeln. Außerhalb Turkmenistans dürfte Nijasows Werk indes kaum Abnehmer, geschweige denn einen Übersetzer finden. Unter diesen Voraussetzungen dürfte sich auch eine mögliche Hoffnung Nijasows, als zweiter Politiker nach Sir Winston Churchill den Literaturnobelpreis zu erhalten, kaum erfüllen. Obwohl Turkmenistan sicherlich mal an der Reihe wäre.

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