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Staatsbibliothek Unter den Linden : Die Erhabenheit des Prinzips „Schwarz auf weiß“

Warten auf die Bücher- und Besucherschwemme: der neu errichtete Lesesaal der Berliner Staatsbibiliothek
          2 Min.

          Dort oben ist man im Himmel. Von einer der zehn exklusiven Lesekabinen aus, die der Architekt HG Merz in das oberste Geschoss des neuen Lesesaals der Staatsbibliothek Unter den Linden in Berlin eingebaut hat, sieht man den riesigen Raum so, wie Merz ihn sich gedacht hat: als lichtdurchfluteten Würfel, der die wilhelminische Trutzburg des kaiserlichen Hofarchitekten Ernst von Ihne für die Helligkeit des Tages öffnet.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Eine camera clara des Wissens: Tief unten, auf dem Grund des Kubus, versinkt das Auge in den Braun- und Rottönen der noch leeren Bücherregale, der Leseplätze und des unter schallschluckender Auslegeware verschwindenden Parketts. Beim Blick zur Decke aber, wo in vierunddreißig Meter Höhe, gefiltert durch eine doppelte Hülle aus heißverformten Wellglasscheiben und zusätzlich gedämpft durch leinwandfarbene Kunststoffblenden, das Winterlicht einfällt, darf sich der staunende Nutzer der Betrachtung jenes Erhabenen hingeben, von dem es bei Kant heißt, es sei „über alle Vergleichung groß“. So groß wie dieser Saal. Nur ein ziemlich großer Knäuel aus zerknüllten Zeitungsseiten, der ohne ersichtlichen Grund von der Deckenmitte herunterhängt, stört die Ekstase der Vernunft. Es handelt sich, wie man der Pressemappe entnehmen kann, um das Werk „Noch Fragen?“ des Künstlers Olaf Metzel.

          Bis zum Jahr 2016 wird gebaut

          Nun darf man einiges von einer Bibliothek erwarten, zumal der Staatsbibliothek, die mit elf Millionen Büchern und anderen Medien den größten öffentlichen Wissensschatz im deutschen Sprachraum verwaltet. Aber eine verdruckste Hommage an die Zeitung gehört nicht zu den Überraschungen, auf die man im Reich der Bücher zu treffen hofft. Metzels Knäuel setzt in die kühle Klassizität des Merz-Kubus einen fetten Klecks Nostalgie. „Porno mit Adorno“ liest man auf einem der hochkopierten Blätter, und das ist auch ungefähr das Niveau, auf dem sich dieses Objekt bewegt.

          Es ist nicht der einzige Kompromiss, den der Stuttgarter Architekt mit den Realitäten des Berliner Bauwesens und den Wünschen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz schließen musste. Der Lesesaal, 2006 begonnen, ist seit zwei Jahren überfällig, die gesamte Sanierung der Staatsbibliothek, mit 420 Millionen Euro Gesamtkosten ein Bundesbauprojekt in der Größenordnung des Humboldtforums, wird sich bis 2016 hinziehen. Dass dennoch an Kleinigkeiten gespart wurde, sieht man am Holzfurnier der Regale und Tische, dessen karottige Anmutung kaum als Ausdruck von Gediegenheit taugt. Im Rara-Saal im Erdgeschoss, wo die Zimelien der Bibliothek an XXL-Leseplätzen bewundert werden können, blendet der grellrote Teppichboden das Auge und reizt empfindsamere Gemüter bis zur Übelkeit.

          Die gestrige Schlüsselübergabe, der im Frühjahr die Eröffnung der dann fertig eingeräumten Säle folgen wird, war also nur ein halber Triumph. Aber doch ein Triumph. Berlin hat jetzt zwei Hochaltäre des Lesens, Max Dudlers Grimm-Zentrum an der Stadtbahntrasse und den Würfel von HG Merz. Der eine setzt ganz auf die Suggestion des Buchkastens, in dem man sich als Glied einer weltumspannenden Gemeinde geborgen fühlen kann. Der andere stemmt den Kasten himmelan, auf dass die Erleuchtung durch die Schrift niemals ende. Als Leser wird man hier wie dort glücklich.

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