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St. Petersburg : Stadt der tausend Stimmen

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Das grausam frostklirrende Petersburg Bild: epa

Das Fenster, durch das Rußland auf Europa schaut: eine Textcollage zum dreihundertsten Geburtstag von St. Petersburg. Literarische Stadtansichten von Anna Achmatowa bis Stefan Zweig.

          6 Min.

          Petersburg hat keine Seele, dafür gibt es auch keine historische Notwendigkeit. Die Stadt wurde bewußt nicht als Komplex von Bauwerken errichtet, in denen Menschen leben und handeln sollten, sondern als eine gigantische Demonstrationsfläche für die Möglichkeiten der Zivilisation, die wilde Natur umzuwandeln, als Schautafel für die geometrische Ordnung des Raums, als Projektion der himmlischen Ordnung auf das Chaos des menschlichen Einzeldaseins.

          Petersburg ist das Fenster, durch welches Rußland nach Europa schaut. Über Petersburg aber ist ein grauer und kalter Himmel, heimatlich und dennoch fremd. Was ist das nun? Das ist eine Stadt, in der Einsamkeit irgendwie leichter zu ertragen ist als an anderen Orten, weil die Stadt selbst einsam ist. Man könnte sie für einen Traum von Puschkin halten oder von Baudelaire. Petersburg ist gebaut wie eine strenge Strophe, mit eingeplanten Stellen für die Reime, mit einer komplizierten Ordnung ihrer Wiederkehr. Die Grundeinheit Petersburgs ist der Platz. Ganz Petersburg ist die Unendlichkeit des in die n-te Dimension erhobenen Prospekts. Die russische Raumverschwendung, hier hat sie sich im harten Stein einmal sinnlich ausleben können, und nach drei Jahrhunderten erscheinen unserem durch New York und das napoleonische Paris doch schon ans Kolossalische gewohnten Blick diese Marmorbauten und Fronten noch immer monumental. Petersburg ist mehr als Berlin und Wien; und es ist in einem Jahrhundert mehr geworden.

          Der Teufel als Baumeister

          Dazu war ein Genie nötig wie das des großen Mannes, der sich darin gefiel, die Natur Lügen zu strafen und die Stadt, die das Zentrum seines ganzen ungeheuren Reiches werden sollte, an einem Ort mit dem denkbar schlechtesten Untergrund für die Bauten der Architekten zu planen, die ihn unbedingt für die Tag für Tag in Stein und mit ungeheuren Kosten errichteten Paläste tragfähig machen wollten. Es ist die Rede davon gewesen, die Stadt an einen trockeneren Ort zu verlegen, ebenso gut könnte man Rußland selbst verlegen wollen. Die Wurzel des Übels ist in Petersburg, nicht in ganz Rußland. Der Teufel war's, der diese Stadt erstellt.

          Kein europäischer Herrscher hat sich ein solches Haus gebaut wie das Winterpalais. Die Millionen, welche Versailles kostete, nährten so viele Familien von französischen Handwerkern, wie die zwölfmonatige Arbeit an dem Winterpalast slawische Leibeigene umbrachte. Die Knochen unserer Ahnen lagerten, verschmolzen, versteinerten zu Palästen. So mochte es wohl zu jener Zeit gekommen sein, daß man anzunehmen pflegte, mit Petersburg sei es nicht geheuer. Plötzlich begann in Petersburg ein Gerücht die Runde zu machen, an der Kalinkin-Brücke und in ihrem weiteren Umkreis zeige sich des Nachts ein Toter in Beamtengestalt, der nach einem gestohlenen Mantel suche und mit dieser Begründung allen Leuten, ohne Rücksicht auf Rang und Stand, die Mäntel ausziehe. Puschkin hatte sehr wohl gespürt, daß mit St. Petersburg etwas nicht stimmte, aufgefallen waren ihm die unheimliche fahlgrüne Färbung des Himmels über der Stadt und die geheimnisvollen Kräfte des bronzenen Zaren, dessen Roß sich in einer Wildnis breiter Straßen und weiter Plätze vor einem verfließenden Hintergrund aufbäumte.

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