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St. Petersburg : Im Schaufenster glänzt das goldene Ei

  • -Aktualisiert am

Peter dem Großen widmet Arte einen Vierteiler Bild: arte

Dostojewskis Ururenkel fährt die Straßenbahn: Dreihundert Jahre St. Petersburg, von innen betrachtet bei ZDF und Arte. Eine Fernsehvorschau.

          3 Min.

          Das Fenster zum Westen, wie Peter der Große vor dreihundert Jahren die nach ihm benannte Stadt St. Petersburg an der Newa-Mündung bezeichnete, wurde im Laufe der Geschichte oft genug zugeschlagen und mit Barrikaden versehen. Als die Bolschewiken das Winterpalais erstürmten und Stalin später die Stadt unterjochte, verhieß sie nicht mehr den Blick in die Fremde, sondern das Ende der Welt. Die einstige Zarenresidenz verkam unter dem Namen Leningrad zu einem ungeliebten Erbstück, das jene Pracht und Größe verhieß, wie sie der Kommunismus nicht dulden wollte. In den am 23. Mai begonnenen Jubiläumsfeiern zum dreihundertsten Geburtstag St. Petersburgs offenbart sich nun die Sehnsucht nach der präkommunistischen Epoche, nach den Jugendstilfassaden und einer unbeengten Lebensart.

          Mit der Dokumentation "Frühling für St. Petersburg" wendet sich das ZDF heute der im russischen Westen gelegenen Stadt zu. Der Rußland-Korrespondent Dirk Sager erzählt gleichermaßen von den Neureichen, die sich auf exklusiven Partys der glorreichen Vergangenheit versichern, und den Armen, die in finsteren Verschlägen Klebstoff schnüffeln. In einer Stadt, die sich freimütig zum Prunk bekennt, sucht er nach Symptomen des Größenwahns, der einhergeht mit dem Streben nach dem Selbstbewußtsein von damals. Mit immensem finanziellen Aufwand ließ die Regierung in Moskau klassizistische Fassaden aufpolieren, Kirchturmspitzen in Blattgold hüllen und die Bausünden der Sowjetära ausmerzen, die zum Glück rar waren. Als sei das Jubiläum überraschend gekommen, begann die Renovierung viel zu spät, erzählt Sager. Er zeigt die eingerüstete Peter-Paul-Festung und filmt Arbeiter, die sich über den Dächern der Stadt dennoch nicht aus der Ruhe bringen lassen. Dann taucht er wieder ein in die dauerverstopften Straßen.

          So steil wie die gedachte Linie zwischen Glockenturm und den Autodächern ist auch das soziale Gefälle in der Metropole. Sagers Beitrag mißt den wachsenden Abstand innerhalb der Gesellschaft. Er besucht den Juwelier Ananov, der sich als rechtmäßiger Hüter der Fabergé-Tradition betrachtet, während er an einem juwelenbesetzten Goldei arbeitet. Der selbstgefälligen Schwärmerei in gehobenen Kreisen hält Sager die trostlose Zukunft der Gestrandeten entgegen, und noch hier, im Elendsquartier, ist die Dokumentation von einer unverkrampften Poesie getragen. Der Korrespondent nimmt vor allem deshalb für sich ein, weil er sich nicht verliert in den Straßenzügen St. Petersburgs, die an jeder Ecke mit einer anderen bauhistorischen Attraktion aufwarten. Wer diese Stadt erklären will, muß sich in Bescheidenheit üben. Sager versucht erst gar nicht, aus dem großen Ganzen das alles umfassende Schlagwort herauszufiltern, vielmehr will er am Beispiel der gespaltenen Gesellschaft einen Wesenszug erklären, der einem eben nicht auf Anhieb ins Auge fällt.

          Denn so entschieden die Metropole nach den Sternen greift, so wenig ändere der Aufbruch für die Straßenkinder, die sich in verwahrlosten Gegenden herumtreiben und auf ausländische Hilfe angewiesen seien, weil sich die wohlhabenden Russen wenig scherten um das Elend vor der eigenen Haustür, sagt ein Sozialarbeiter. Wenn Sager also über den "Frühling für St. Petersburg" spricht, ist hinter den Bildern noch der Frost des Winters zu spüren. Mit seinem Beitrag, zugeschnitten auf das Hier und Jetzt der Menschen in St. Petersburg, eröffnet die "Kulturallianz" von ZDF, 3Sat und Arte ihre Programmreihe zum Stadtjubiläum, die bei Arte zunächst fünf Tage lang fortgesetzt wird. Für den Sommer ist der Dreiteiler "Rußlands Küsten - Rußlands Sehnsucht" und der Sechsteiler "Die Gefangenen" vorgesehen. Am 1. November soll die Reihe mit einem "Rußland-Tag" bei 3sat ausklingen.

          Nach einer Dokumentation an diesem Mittwoch, welche die Besetzung St. Petersburgs durch die deutsche Wehrmacht behandelt, bietet Arte am Donnerstag den ersten Themenabend. Neben dem in vier Teilen ausgestrahlten Spielfilm "Peter der Große" mit Maximilian Schell umkreisen mehrere Reportagen die Wesensart der auf Sümpfen errichteten Stadt und könnten sich im besten Fall zu einem schlüssigen urbanen Panorama fügen.

          Die Dokumentation "Dostojewskis Straßenbahn" am Donnerstag weist allerdings schon auf die Gefahren des ambitionierten Rundumschlags hin. Der Regisseur Dmitri Popov hat den einzigen männlichen Nachkommen des großen Dichters aufgespürt, der als Straßenbahnfahrer mehrmals täglich die Metropole durchquert. Der Film hätte dank seines originellen Themas glänzen können wie Ananovs Goldeier im Schaufenster: St. Petersburg, gesehen durch die Frontscheibe der Straßenbahn und erläutert von einem hageren Mittdreißiger, der die Werke seines Ururgroßvaters kennt wie das Streckennetz - mehr wäre nicht zu wollen.

          Aber Popov hat spürbar Angst vor der engen Perspektive. Er flieht hinaus ins Freie und verbringt mehr Zeit auf dem Glockenturm und in Museen als im Waggon. Nur flüchtig läßt er sich auf die sozialen Schattenzonen hinter den prächtigen Schauseiten ein. Dabei hat Dostojewski gerade dort, im Elend der Hinterhöfe, seine Romanfiguren gesucht. Die Bilder von Aljoscha, dem Ururenkel, der im gleichen Atemzug von der russischen Seele und von den spröden Gleisen spricht, als sei das eine nicht ohne das andere denkbar, sind nicht der Kern der Dokumentation, sondern nur der Kitt zwischen den Außenszenen. Sie sollen zusammenhalten, was ansonsten vermutlich zersplittern würde. Dmitri Popov inszeniert einen Fassadenschaulauf, aber weil ihm Dostojewski zuwenig ist, wächst ihm St. Petersburg über den Kopf.

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