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Tschaikowsky muss weichen : Johanna geht nur auf Italienisch

Durch und durch französisch, aber mit russischer Musik nicht tragbar: das Pariser Stanbdbild der Feldherrin Johanna von Orleans Bild: dpa

Die St. Galler Festspiele tauschen Tschaikowskys Oper „Die Jungfrau von Orleans“ gegen Verdis Oper „Johanna von Orleans“ aus. Denn Erstere ist russisch, das gehe im Freien nicht.

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          Die Handlung der einen Oper: Eine junge Frau führt in Gottes Auftrag ein Heer in den Krieg gegen eine ausländische Besatzungsmacht und rettet damit ihrem König die Krone. Doch der eigene Vater bezichtigt sie teuf­lischer Umtriebe wegen ihrer Liebe zu einem jungen Mann. Da­raufhin kann sie der Feind gefangen nehmen, zum Tode verurteilen und hinrichten. Selbst noch auf dem Scheiterhaufen wird herrlich gesungen. Die Handlung der anderen Oper: Eine junge Frau führt in Gottes Auftrag ein Heer in den Krieg gegen eine ausländische Besatzungsmacht und rettet damit ihrem König die Krone. Doch der eigene Vater bezichtigt sie teuflischer Umtriebe wegen ihrer Liebe zu einem jungen Mann. Daraufhin kann sie der Feind gefangen nehmen, zum Tode verurteilen und hinrichten. Selbst noch auf dem Scheiterhaufen wird herrlich gesungen.

          Sie haben keinen Unterschied bemerkt? Die St. Galler Festspiele schon. Denn die erste Oper hat Tschaikowsky geschrieben, die zweite Verdi. Beide benutzten Schillers Drama „Die Jungfrau von Or­leans“ als wichtigste Vorlage, aber der eine Komponist war Russe, der andere Italiener. Damit ist die Oper des einen für das in zwei Monaten beginnende Schweizer Sommerfestival untragbar geworden: „Auch wenn das Thema dieses Werkes durch und durch französisch ist, ist es derzeit nicht zu verantworten, mitten in der Stadt im Freien russische Musik, der kriegerische Handlungen zugrunde liegen, zum Erklingen zu bringen. Da die Ver­antwort­lichen am Thema der diesjährigen Festspieloper festhalten wollen, haben sie sich entschlossen, mit Giuseppe Verdis ‚Giovanna d’Arco‘ die italienische Version der Legende von Frankreichs Nationalheiliger zur Aufführung zu bringen.“ So die Presseerklärung des Festivals vom Donnerstag.

          Hat man noch Worte? Nehmen wir die letzten der verbrennenden Jungfrau. Bei Verdi: „Der Himmel öffnet sich . . . Lebe wohl, sterblicher Ruhm. Hoch fliege ich. Ich strahle bereits in der Sonne.“ Bei Tschaikowsky: „Der Himmel hat sich geöffnet, das Leiden ist vorbei!“ Was klingt kriegerischer? Und was machen die St. Galler Festspiele, wenn morgen Marine Le Pen in Frankreich die Präsidentschaftsstichwahl gewönne? „Ein durch und durch französisches Werk“, egal ob vom russischen oder italienischen Komponisten, wäre dann ja wohl „mitten in der Stadt im Freien“ auch nicht mehr opportun, sofern Nationalheilige zugrunde liegen. Und so­fern man die Gleichsetzung von Musik, die 177 Jahre (Verdi) respektive 141 Jahre (Tschaikowsky) alt ist, mit der Gegenwart so konsequent betreibt wie in der Schweiz. „Ein jeder lebe still bei sich daheim“, proklamiert deren Nationalheld Wilhelm Tell in einem anderen Schiller-Drama, bevor er sich zum Freiheitskämpfer wandelt. Aber den Verzicht auf Musik wird selbst dieser feige Tell damit nicht gemeint haben.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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