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Peter Eisenberg wird 80 : Sprache ist, wie sie ist

  • -Aktualisiert am

Der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg Bild: dpa

Zum achtzigsten Geburtstag: Der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg ist eine Koryphäe seines Faches. Seine Positionierung während der Debatten um die neue Rechtschreibung war bemerkenswert.

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          Man kann über ihn kaum etwas sagen, ohne dabei ein Fass aufzumachen. Oder sollte man schreiben: „ein Fass auf zu machen“? Aber lassen wir das. Gleich in seinem ersten, vor zwanzig Jahren unter der Rubrik „Fremde Federn“ im Politikteil erschienenen Artikel für die F.A.Z. hat Peter Eisenberg als Stimme der Vernunft und der Mäßigung Laut gegeben. Das war damals schwer genug; denn es ging um die Rechtschreibreform, einen der absurdesten kulturpolitischen Fehlgriffe, die sich dieses Land, angeleitet von ihre Kompetenz überschreitenden und partiell auch noch ahnungslosen Kultusministern, in den vergangenen Jahren geleistet hat.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Jeden, dem geschriebene Sprache nicht gleichgültig ist, werden die meisten Neuerungen, insbesondere zur Zusammen- sowie zur Groß- und Kleinschreibung, geschmerzt haben. Aber Peter Eisenberg wird auch gespürt haben, dass es nach dem langwierigen Procedere eine Rückkehr zur alten Schreibung nicht geben und nur noch etwas zu retten sein würde, das er mit kulturpolitischer Diplomatie „Rechtschreibfrieden“ nannte; und so attestierte er den Kompromisslosen unter den Reformkritikern: „Sie wollen mit dem Kopf gegen die Wand.“ Das wollte und tat er nie; seine beiden Austritte aus den maßgeblichen Gremien, die das Schlimmste an der Reform verhindern konnten, waren kein Ausdruck von Querulantentum oder Wichtigtuerei, sondern von Überzeugung.

          Der vielgeehrte Potsdamer emeritierte Professor

          Man bezeichnet Peter Eisenberg landläufig und unter angelsächsischem Einfluss als „Linguisten“; dagegen ist nichts zu sagen. „Sprachwissenschaftler“ trifft es aber besser, sofern damit jemand gemeint ist, der nicht glaubt, wie zum Beispiel der leider recht einflussreiche Amerikaner Noam Chomsky, der Sprache eine Theorie gleichsam überstülpen zu können, sondern sich zunächst rein deskriptiv und empirisch verhält, also sprachliche Formen erfasst und erst aus einem Bestand Regeln und Gesetzmäßigkeiten ableitet. Hierin, nicht etwa in einer Aversion gegen Neues – der Mann hat Besseres zu tun, als sich über Anglizismen aufzuregen –, liegen Eisenbergs Konservativismus und, wenn man so will, seine Demut vor der Sprache, die desto größer wird, je tiefer er in dieses Wunderwerk, das mit „Logik“ oder „Konsequenz“ viel weniger zu tun hat, als die meisten meinen, vordringt. „Die Sprache“, sagt er, „ist, wie sie ist, und wir wollen sie verstehen.“ Das ist keine tautologische Behauptung. Aus ihr spricht der Respekt vor einer „Gewordenheit“, die in ihren eigentlichen Ursachen kaum erklärlich ist.

          Diese Unvoreingenommenheit hat wahrscheinlich mit dazu beigetragen, dass Eisenberg heute der Grammatiker deutscher Sprache ist, der das meiste Gehör findet und das meiste Vertrauen genießt, ein Nachfahre Johann Christoph Adelungs, der Grimms und Konrad Dudens. Bis dahin war es ein Weg, den er zögerlich eingeschlagen hat. Erst der dreißigjährige staatlich examinierte Tonmeister und Diplomingenieur begann an der Berliner FU ein Germanistik-Studium, das er 1975 mit einer Dissertation abschloss, die noch spürbar unter dem Einfluss von Chomskys generativer Transformationsgrammatik und der damals tonangebenden Psycho- und der Soziolinguistik stand.

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          Die Theorieseligkeit der siebziger Jahre ließ Eisenberg alsbald hinter sich und verschrieb sich einem undogmatischen, vorsichtig pluralistischen Ansatz, der am ehesten noch dem klassischen Strukturalismus zuzurechnen ist. Eisenbergs wichtigste Arbeit bleibt, man sehe die alte Schreibung nach, der „Grundriß der deutschen Grammatik“ (1. Auflage 1986), in den jeder Germanistik-Student wenigstens einmal Einblick genommen haben sollte. Die Bedeutung und die Gestalt von Wörtern werden bestimmt von deren Gebrauch – diese auch von Ludwig Wittgenstein formulierte Überzeugung liegt natürlich auch seiner teilweise federführenden Duden-Arbeit zugrunde, genauso wie seinen ihn bisweilen wohl auch frustrierenden Gremienmitgliedschaften, die ihn in die Verlegenheit brachten, gegen unbedarfte Vorstöße von Kulturpolitikern anzuargumentieren, die meinten, sie könnten einer Sprachgemeinschaft diktieren, wie sie zu schreiben habe.

          Eine Einheitlichkeit der Schreibung ist heute in weiter Ferne. Wie man sich damit auf konstruktive Weise und obwohl man es ja besser weiß, abfinden kann, das hat uns Peter Eisenberg, der vielgeehrte Potsdamer emeritierte Professor, der an diesem Montag achtzig Jahre alt wird, vorgemacht.

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