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Sprachstreit in Spanien : Amig@s sollt ihr sein!

Spaniens erste Gleichstellungsministerin: Bibiana Aído Bild: REUTERS

Zum ersten Mal in seiner Geschichte hat Spanien eine Gleichstellungsministerin. Dass Bibiana Aído im Parlament von „Mitgliedern und Mitgliederinnen“ sprach, hat das ganze Land aufgeschreckt und eine Lawine soziologischer Polemik ins Rutschen gebracht.

          Dass Spanien zum ersten Mal in seiner Geschichte eine Gleichstellungsministerin hat, passt manchen schon mal nicht; es könnte ja bedeuten, dass Spanien eine braucht. Aber dass die einunddreißigjährige Bibiana Aído gleich bei ihrem ersten Auftritt im Parlament von „miembros y miembras“ eines Ausschusses sprach, also „Mitgliedern und Mitgliederinnen“, hat das ganze Land aufgeschreckt und eine satte Lawine sprachpflegerischer Betrachtungen und soziologischer Polemik ins Rutschen gebracht.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Das Wort „miembra“ stehe nicht im Wörterbuch der Königlich-Spanischen Akademie, hieß es, und solle besser nicht benutzt werden. Andere waren weniger fein. „Miembra“ sei eine Dummheit und großer Quatsch. „Die Ministerin kennt nicht den Unterschied zwischen Genus und Geschlecht“, gab ein miembro der Akademie zu Protokoll. Es sei naiv, die Endung eines Wortes auf -o mit „männlich“ gleichzusetzen, auf -a mit „weiblich“. Der freudianische Unterton des Streits – „miembro“ bedeutet auch das männliche Glied – bedurfte keiner Erwähnung, trug aber zur Erheiterung bei.

          „Das ist ein Lapsus“

          Die Ministerin hatte in den Tagen darauf einen schweren Stand. Ihre Entschuldigung lautete, sie sei gerade von einer Reise nach Mittelamerika zurückgekehrt, wo die weibliche Form von „miembro“ viel benutzt werde. „Das ist ein Lapsus“, sagte sie. „Aber nachher fand ich es lustig. Und warum nicht? Man könnte das Wort doch auch in dieser Form benutzen.“

          Früher pflegte Spanien dem nördlichen Europa in gesellschaftspolitischen Dingen hinterherzuhinken. Seit 2004, dem Startschuss für die Zapatero-Regierung, ändert sich das. Mit einem Fünfzig-Prozent-Anteil von Ministerinnen in der Regierung wird Spanien in Europa nur noch von Frankreich übertroffen. Als im Frühjahr die Frage aufkam, ob die schwangere Verteidigungsministerin Carme Chacón ihre Arbeit tun könne, flog die Siebenunddreißigjährige in Begleitung eines Gynäkologen nach Afghanistan und präsentierte sich der Truppe. Das Bild gewann symbolischen Wert. Inzwischen werden spanische Macho-Stereotypen von allen Seiten aufgeweicht. Die Schwulenehe ist legalisiert. Das Thema der (männlichen) Gewalt in Beziehungen findet großen Widerhall in den Medien. Zwar wurde der Vorschlag der Gleichstellungsministerin Bibiana Aído, ein Sorgentelefon für gewaltbereite Männer einzurichten, eher belächelt, doch das ändert nichts am Befund: Die spanische Emanzipation schlägt sich Breschen.

          Una modelo, la canciller

          Schlabberige T-Shirts, violette Latzhosen und Kurzhaarschnitt wären in Spanien allerdings undenkbar, und der aggressive Anti-Männer-Gestus des frühen Feminismus hätte in Barcelona oder Madrid keine Gefolgschaft gefunden. Auch auf Make-up und Lippenstift wird nicht verzichtet. In der Sprache tut sich auch deshalb etwas, weil das Wörterbuch der Königlich-Spanischen Akademie noch den strengen Geruch des Patriarchats verströmt. Unter dem Stichwort „hombre“ etwa liest man von Eigenschaften wie Mut und Festigkeit, bei „mujer“ denkt das Wörterbuch dagegen an die „verheiratete Frau“. Und „Waise“ ist man in den Augen der stark männlich dominierten Institution besonders dann, wenn der Vater gestorben ist – dabei sind es Frauen, die in Spanien wie überall auf der Welt die Hauptlast der Alleinerziehung tragen.

          Hier und da hat sich die schriftliche Anrede „amig@s“ in die Sprache geschlichen, was also „amigas y amigos“ bedeutet. Ein Wort wie „arquitecto“ hat erst seit rund fünfzehn Jahren eine weibliche Form, weil es vorher nicht genug Architektinnen gab. Auch das Wort „jueza“ (Richterin) ist relativ neu. Doch die Wege der Sprache sind kaum zu steuern und werden weiterhin Anlass zur Debatte geben. Ein weibliches Model heißt „una modelo“, und unsere Bundeskanzlerin bleibt – vorläufig – „la canciller“. Vielleicht hoffen einige insgeheim auf die größte Revolution von allen: „obispa“, die Bischöfin.

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