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Sprachkritik : Wort und Kraut

Deliziöser Eisgenuss in Mainz Bild: dpa

„Lecker“ gehört zu den Worten, die alles andere in ihrem Bereich aggressiv verdrängen. Es sollte Unwort des Jahres werden.

          Adorno sagte nicht „Essen“, sondern „Speise“. Im Exil träumte er von deutschem Rehbraten und dachte dabei an den „Freischütz“. Lächeln wir über diesen kritischen Snobismus - er hat doch manches für sich. Ein Wort nämlich wäre Adorno nie über die Lippen gekommen: „lecker“. Es gehört zu den Worten, die alles andere in ihrem Bereich aggressiv verdrängen, ja selbst die Erinnerung an nuanciertere Geschmacksurteile löschen.

          Während die lieben Deutschen heute im Allgemeinen sehr viel besser kochen als vor vierzig Jahren (damals waren in den Wohngemeinschaften Spaghetti Bolognese der Hochgenuss des Sponti-Gourmets), scheinen sie für das Produkt, das auf den Tisch kommt, nur noch dieses eine Wort zu haben. Und es ist ja nicht so, dass ausschließlich die Leute in Jogginghosen es verwenden, es lässt sich nicht mehr so einfach dem Soziolekt der Kevins und Chantals zuordnen. Wer nach einem Vergleich für die kaum merkliche und doch aggressive Ausbreitung in anderen Sphären sucht, kommt auf das Unkraut. Das hat nämlich auch die Fähigkeit, sich schnell zu verbreiten und vor allem Konkurrenten zu verdrängen. Man muss es ausraufen, ausjäten.

          Aber manche sind kaum mehr einzudämmen. Nicht wegen allgemeiner Unkrautphobie sagen wir dies. Sondern weil die Rosen, weil überhaupt das Feine und Zarte, das Differenzierte und das Kultivierte einen Schutz brauchen. Weil die schlimmsten Unkräuter wie der aus dem Kaukasus stammende Riesenbärenklau eben keine heiter-bunte Anarchie in den Garten bringen, sondern dort, wo sie sich ausbreiten, die Artenvielfalt vermindern. Jeder, der einen Garten hat, weiß das. Die Sprache ist der Garten des Seins. „Lecker“ sollte das Unwort des Jahres werden.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

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