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Sprachkritik : Dem Dativ sein Retter

Bild: Kiepenheuer und Witsch

Kommt die Renaissance der Sprachkritik ausgerechnet aus dem Internet? Auch in der Welt des Simsen und Mailens leben verkannte Sprachpfleger, wie Bastian Sick beweist.

          3 Min.

          Sage einer, das Thema Sprache interessiere nur Deutschlehrer, Schulbuchverleger und Kultusminister. Ende August erschien bei Kiepenheuer & Witsch ein Taschenbuch mit dem sonderbaren Titel „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“. Sein Autor ist der neununddreißigjährige Bastian Sick, Kolumnist bei „Spiegel Online“, studierter Historiker und Romanist mit Erfahrungen in der Dokumentation des „Spiegel“.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          Besser bekannt ist Sick als Verfasser einer Sprachglosse, die er seit Mai 2003 für die Netzausgabe des Hamburger Magazins schreibt. Ein Zwiebelfisch ist in der Sprache des Buchdrucks ein Buchstabe innerhalb eines Wortes, der versehentlich in einer falschen Schriftart gesetzt wurde. Die Kolumne „Der Zwiebelfisch“ hat sich schnell eine Fangemeinde erobert, wie groß diese schon ist, zeigt der Erfolg des Buchs, das es in knapp drei Monaten auf eine Auflage von 250.000 Exemplaren gebracht hat.

          Profunde Heiterkeit

          Daß ein „Wegweiser durch den Irrgarten der deutschen Sprache“, so der Untertitel des 230 Seiten schmalen Bandes, solche Aufmerksamkeit produziert, hat womöglich damit zu tun, daß sich in Anlehnung an den Boom der Manieren-Bücher ein neues Standesbewußtsein entwickelt, das Sprache auch als Teil gesellschaftlicher Etikette begreift: Für Aufstiegsinteressierte empfiehlt sich eben nicht nur der richtige Umgang mit dem Besteck, es kann auch nicht schaden, sich schriftlich wie mündlich angemessen zu artikulieren.

          Ob man Statuspannen à la Eliza Doolittle nach Lektüre von Sicks Buch wird vermeiden können, sei dahingestellt. Aber man wird das Vergnügen spüren, das der Umgang mit gutem Deutsch bereitet. Sicks Geheimnis ist seine profunde Heiterkeit. Außerdem verkneift er sich bei allem Detailwissen den Gestus, den viele seiner prominenten Vorgänger von Karl Kraus bis Wolf Schneider vor sich her trugen: den erhobenen Zeigefinger. Sick sieht Sprache nicht als starres, normatives Gerüst, das mit Stacheldraht vor Übergriffen geschützt werden müsse. Er ermuntert seine Leser, ihrem Sprachgefühl zu vertrauen.

          Reichlich sprachliche Fettnäpfchen

          Die Auswahl der Themen ist unsystematisch; aber stets befaßt sich Sick mit sprachlichen Fettnäpfchen, in die auch professionelle Autoren gelegentlich treten. Das reicht von Fragen der Rechtschreibung über grammatikalische und metaphorische Problemfälle bis zu philosophischen Erwägungen. Sick verpackt die Lösung in kleine Geschichten und senkt damit geschickt die Schwellenangst.

          Nach der Rettung des Genitivs (“im November dieses Jahres“), geht es über die Apostroph-Manie (“keine Scheck's“), brutalstmöglich gesteigerte Superlative (“größter Super-GAU“), falsche Pluralbildung (“Visas“), blödsinnige Amerikanismen (“Sinn machen“), falschen Fremdwortgebrauch (“body bag“ für Rucksack), notwendige Fremdwörter (“gescannt“), verstärkende Füllworte (“irgendwie total“), das Hausfrauen-Perfekt (“Unterhosen hab' ich schon im Katalog bestellt gehabt“) und falsche Präpositionen (“Mehrere Autos wurden durch herabfallende Dachziegel getroffen“). Zahlreiche Tabellen erhöhen den Nutzwert.

          Renaissance aus dem Internet

          Kommt die Renaissance der Sprachkritik ausgerechnet aus dem Internet? Nach landläufiger Meinung gilt das neudeutsche „Simsen“ und „Mailen“ gemeinhin als Sargnagel eines gepflegten Deutsch. Helge Malchow, Verlagsleiter von Kiepenheuer & Witsch, vermutet dagegen, es sei gerade der richtige Weg gewesen, eine Sprachkolumne im Netz anzubieten, habe sich doch gezeigt, daß die elektronischen Medien zu mehr Schriftverkehr geführt hätten - was auch mit dem gestiegenen Papierverbrauch korrespondiere. Malchow spricht gar von einem „linguistic turn“, der jetzt die Gesellschaft erreicht habe: „Es ist eindeutig, daß wieder ein hohes Interesse an der Sprache als dem Medium, mit dem und in dem man lebt, besteht.“

          Sick wirke vor allem auch deshalb so positiv auf die Leser, weil er der ideologisch verhärteten Debatte um die Rechtschreibreform ohne Scheuklappen begegne, sich aber andererseits jeden Defätismus verbiete: Es sei eben nicht gleichgültig, wie geschrieben werde. Dabei ist Bastian Sick kein dezidierter Gegner der Reform - das Buch ist den Verlagsusancen gemäß auch nach neuer Schreibweise gesetzt -, aber seine Einwände sind doch erheblich: „Tatsache ist: Das große Reformwerk, das sich als richtungsweisend verstand, erwies sich in der Praxis oft als Irre führend.“

          Fleischgewordener Duden

          Den Autor, geboren in Lübeck und im Ost-Holsteinischen aufgewachsen, überraschen derweil die teilweise heftigen Beifallsbekundungen. Nach Lesungen werde er bestürmt und mit Dank überhäuft, Tenor: Endlich habe das mal einer gesagt. „Offenbar bin ich nicht nur in eine Marktlücke gestoßen, sondern auf ein großes Thema unserer Zeit.“ Tausend E-Mails erhält Sick derzeit pro Monat, sie alle zu beantworten gelingt ihm nicht.

          Er komme sich oft vor wie ein fleischgewordener Duden, sagt Sick - ein Buch, das viele der Fragensteller entweder nicht mehr benutzten oder schon gar nicht mehr besäßen. Sein Verleger will jetzt am liebsten eine Auswahl aus den Fragen und Sicks Antworten als Nachfolgeband veröffentlichen. Dem Autor selbst wird die Rolle des Sprachpapstes langsam unheimlich, aber noch ist er bereit, sie anzunehmen: „Es gibt offenbar eine große Sehnsucht nach Orientierung.“

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