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Sprachforscher im Gespräch : Eltern, sprecht mit euren Kindern!

Die Maori konnten ihre Sprache mit Projekten retten – und ihre traditionelle Begrüßung ist ohnehin weltbekannt. Im Oktober erlebte sie Herzogin Megan auf Staatsbesuch in Wellington. Bild: AFP

Tausende Sprachen sind weltweit bedroht. Wie kann man sie retten? Im Interview spricht Sprachforscher Nikolaus Himmelmann über die Globalisierung und das Unesco-Jahr der indigenen Sprachen.

          Herr Himmelmann, noch werden weltweit etwa 7000 Sprachen gesprochen. Es heißt, jede zweite Woche stirbt eine von ihnen und jede zweite Sprache sei vom Aussterben bedroht.

          Die Zahlen variieren stark. Es gibt Schätzungen, wonach zwischen fünfzig und neunzig Prozent aller Sprachen bedroht sind. Aber es ist völlig klar: Momentan vollzieht sich ein sehr starker Wandel, viele Sprachen verschwinden.

          Das ist ein riesiger Verlust.

          Allerdings. Da gehen eine Sicht auf die Welt und Wissen über die Welt verloren. Jede Sprache ist ein Wissensspeicher.

          Haben Sie dafür ein Beispiel?

          Es gibt verschiedene Arten, die Umwelt zu klassifizieren, also Pflanzen und Lebewesen. Das hat manchmal einen Nutzen, wenn man zum Beispiel in Südamerika versucht, das indigene Wissen über Pflanzen wieder nutzbar zu machen, beispielsweise für pharmakologische Forschung. Wenn Sprache verlorengeht, dann geht also auch der Wissensspeicher verloren. Und noch dazu ein wesentliches Element der sozialen Organisation. Das kann dramatischere und weniger dramatischere Konsequenzen haben.

          Es heißt, Sprache sei auch Heimat. Die bricht dann weg?

          So ist es. Nehmen Sie die sozialen Probleme in Aborigine-Communitys in Nordamerika und Australien: Die haben alle etwas damit zu tun, dass die Menschen gezwungen wurden, ihre Sprachen aufzugeben, ohne dass sie sich angemessen in die Mehrheitsgesellschaft integrieren konnten. Heutzutage spielen jedoch meistens ökonomische Faktoren eine Rolle.

          Und das ist der Unterschied zu früher?

          Ja. Gemeinschaften denken, sie wären gut beraten, sich möglichst eingehend auf die dominierende Kultur vorzubereiten und sie nicht mit der eigenen Kultur und Sprache zu „belasten“. Die Integration gelingt dann aber oft nicht. Im neunzehnten und im zwanzigsten Jahrhundert sind hingegen viele Gemeinschaften mehr oder weniger mit physischer Gewalt gezwungen worden, ihre Sprachen und ihre Kultur aufzugeben. Da gab es zum Beispiel Programme, wo Kinder von ihren Eltern weggenommen wurden, damit sie in der richtigen Kultur aufwachsen. Das war Teil der Nationen- und Staatsbildungen.

          Das Konzept des Einheitsstaates: dass alle Bürger gleich sind oder sein sollen.

          Ebendies hat in Europa dazu geführt, dass viele kleinere Sprachen fast ausgestorben sind.

          Heutzutage gibt es seltener Zwangsmaßnahmen. Dennoch beschleunigt sich das Sprachensterben.

          Das liegt daran, dass in allen Ecken der Welt Eltern glauben, es wäre besser, mit ihren Kinder nicht in der Sprache zu reden, mit der sie selbst aufgewachsen sind. Viele glauben, ihnen damit einen Gefallen zu tun, damit sie bessere Chancen in der Schule haben, bessere Arbeitsplätze finden. Es gibt aber viele Indizien dafür, dass eine gute Verankerung in der eigenen Kultur letztlich zu größerem Erfolg in der Mehrheitskultur beiträgt.

          Hinzu kommt, dass viele in die Städte ziehen.

          Ein wichtiger Punkt dabei ist, dass sich die Lebensweise verändert, von einer eher agrokulturellen zu einer eher städtischen. In Städten können Sprachgruppen aber auch lange überleben. In New York werden sechs- bis achthundert Sprachen gesprochen. Typischerweise geht der Umzug vom Dorf in die Stadt aber mit einem Sprachwechsel einher.

          Wann spricht die Wissenschaft eigentlich davon, dass eine Sprache vom Aussterben bedroht ist?

          Wenn die Kinder die Sprache nicht mehr lernen. Dann ist es biologisch absehbar, wann sie aufhört, zu existieren. Und das können wir weltweit immer häufiger beobachten. Dass sie eine Großelterngeneration haben, die noch in der Sprache aufgewachsen ist und sie noch spricht, aber die Entscheidung getroffen hat, sie nicht mehr aktiv an ihre Kinder weiterzugeben. Wir haben also eine Elterngeneration, die ihre Muttersprache noch relativ gut versteht, weil sie gesprochen wurde, als sie aufgewachsen ist, sie selbst aber kaum noch verwendet. Die Enkelgeneration beherrscht dann eigentlich nur noch die dominierende National- oder Regionalsprache. Diese Generation ist es, die manchmal versucht, etwas wiederzubeleben, was schon fast weg ist.

          Zum Teil trägt also die Globalisierung zum Sprachensterben bei. Auf der anderen Seite kann sie auch helfen, Sprachen am Leben zu halten. Nehmen wir die Möglichkeiten des Internets.

          Die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation sind erst einmal neutral, sie sind weder sprachgefährdend noch sprachfördernd. Es kommt darauf an, wie sie genutzt werden. Das Internet ist zum Beispiel für viele Indianergemeinschaften in Nordamerika ein gutes Hilfsmittel. Es gibt auch kleinere Erfolge mit anderen Ansätzen. Die Maori haben es mit einem Großeltern-Enkelkinder-Programm geschafft, ihre Sprache teilweise wiederzubeleben.

          Die Unesco hat 2019 ja nun als das Jahr indigener Sprachen ausgerufen. Ist das förderlich?

          Das verschafft zumindest Aufmerksamkeit, insofern sehe ich das positiv.

          Ist überhaupt definiert, was eine indigene Sprache ausmacht?

          Das kann man so einfach nicht sagen. Die Vorstellung der Unesco ist wohl, dass es um kleine Lokalsprachen geht. Ich meine: Indigene Sprache sind solche, die primär identitätsstiftende Funktionen haben.

          Lässt sich das Sprachensterben mancherorts aufhalten? Ist es zum Beispiel sinnvoll, wenn ein Land wie Bolivien 35 seiner im Land gesprochenen Sprachen zu Amtssprachen erklärt?

          Jede Art von institutioneller Absicherung kann hilfreich sein, eine Sprache lebendig zu halten. Oder wenn die Sprachen in der Schule eine Rolle spielen. Aber wenn das nicht dazu beiträgt, dass Eltern die Sprache zur Kommunikation mit ihren Kindern verwenden, sterben die Sprachen trotzdem aus.

          Wenn Sie sich ansehen, wo die meisten Sprachen gesprochen werden, entdecken Sie da regionale Unterschiede?

          Die noch existierende Sprachenvielfalt ist auf der Welt sehr ungleichmäßig verteilt. In Papua-Neuguinea werden mehr als achthundert Sprachen gesprochen. Europa hat hingegen eine sehr reduzierte Sprachenvielfalt. Im Prinzip gibt es eine Korrelation zwischen der Region um den Äquator und der Sprachen- und Artenvielfalt. Um den Äquator herum gibt es besonders viele Sprachen, Arten und Kulturen.

          Liegt das an den Regenwäldern?

          Das hat unter anderem damit etwas zu tun, ja. Die Lebensverhältnisse sind dort einfacher, die Bevölkerung hat keine Probleme mit Kälte und Dürre.

          Wenn doch nun so viele Sprachen sterben, müssten nicht gerade jetzt noch mehr Sprachwissenschaftler und Studenten ausschwärmen, um sie zu dokumentieren? Die jüngere Generation verreist aber nicht mehr so gern, haben Sie einmal gesagt.

          Das stimmt auch weiterhin. Aber es gibt immer wieder welche, die Lust haben. Dieses Jahr war ich zum ersten Mal seit Jahren mit drei Studenten auf einmal in Indonesien. In Anbetracht des riesigen Bedarfs an Dokumentationen kann eine auch nur annähernd vollständige Dokumentation der derzeit noch vorhandenen Sprachenvielfalt nur gelingen, wenn einheimische Wissenschaftler und die Betroffenen selbst sich aktiv beteiligen. Deshalb mache ich heutzutage auch überwiegend capacity building, wie das so schön im NGO-Speak heißt.

          Als Feldforscher müssen Sie viele Sprachen beherrschen.

          Nun ja. Ich kenne so vierzig, fünfzig Sprachen. Aber sprechen kann ich nur zwei oder drei.

          Ihr Schwerpunkt liegt also auf Indonesien?

          Ja, in den vergangenen zwanzig Jahren habe ich hauptsächlich in Indonesien gearbeitet. Zuvor in den Philippinen und in Osttimor. Mein derzeitiger Arbeitsschwerpunkt ist in Westpapua, auch ein Teil von Indonesien. In Manokwari arbeite ich an der Universität mit lokalen Kollegen und Sprechern von bedrohten Sprachen.

          Und die Kontaktaufnahme? Sie fahren dorthin und sagen: Ich würde gerne Ihre Sprache aufzeichnen?

          Typischerweise versucht man vorher, Kontakte in der Gegend zu knüpfen, oft über andere Wissenschaftler, die da schon gearbeitet haben. In Indonesien muss man aber offiziell über ein Forschungsvisum die Arbeit aufnehmen, bekommt Briefe aus Jakarta und meldet sich beim Dorfvorsteher an. Meistens redet man in einer Kontaktsprache, zum Beispiel auf Indonesisch. Man versucht dann, möglichst vielfältige Audio- und Videoaufnahmen zu machen, transkribiert, übersetzt und analysiert sie grammatisch.

          Eine Heidenarbeit!

          In der Tat. Es ist eine unabschließbare Arbeit. Wenn Sie sich überlegen, wie viele Leute über das Englische, das Deutsche oder Lateinische arbeiten. Das sind Tausende, Zehntausende. Und an bedrohten Sprachen zwei. Oder es ist einer.

          Sehen Sie sich in ihrer Arbeit eher als Sterbebegleiter oder als Sprachbewahrer?

          Puh. Eher als Sprachbewahrer. Beziehungsweise als Ermunterer, Dinge zu erhalten und zu dokumentieren.

          Können unbekannte Sprachen anderes ausdrücken als etwa das Deutsche?

          Auf der Malaiischen Halbinsel lebt zum Beispiel eine Bergbevölkerung, die eine sehr fein differenzierte Terminologie für Gerüche hat. Es gibt auch Sprachen, die sogenannte Evidentialmarker haben, die also in jeder Äußerung markieren müssen, wo die Information herkommt, ob man etwas gesehen hat oder vom Hörensagen kennt. Wir müssten sagen: „Habe ich gehört“. Das ist aufwendiger. Dann gibt es Sprachen, die nur hell und dunkel unterscheiden. Die Unterscheidung, die wir zwischen „blau“ und „grün“ haben, wird in Indonesien in vielen Gemeinschaften nicht gemacht.

          Wie stehen Sie zu der Diskussion, wie sehr die Sprache die Wirklichkeit prägt?

          Ein sehr kontroverses Thema. Gerade in den vergangenen zwanzig Jahren hat es dazu sehr viel Forschung gegeben. Und die zeigt, dass es zumindest teilweise Einflüsse der Sprache auf die Kognition gibt. Wenn ich ein differenzierteres Lexikon habe für einen gewissen Bereich wie Gerüche, ist die Fähigkeit, Gerüche zu unterscheiden, stärker ausgeprägt. Aber so grobe Generalisierungen wie „Wenn in einer Sprache kein Tempus markiert wird, dann gibt es da kein Konzept von Zeit“ sind sicher unhaltbar.

          Im niederländischen Nijmegen gibt es ein digitalisiertes Spracharchiv. Droht es, ein Friedhof der toten Sprachen zu werden?

          Ich würde das nicht so negativ formulieren. Man kann es ja auch positiv sehen, dass man sich an dem Material weiterhin erfreuen kann. So würde ich die Rolle eines Spracharchivs sehen. Manch einer freut sich, wenn er den Großvater noch mal im Video sehen kann. Das ist eine Ressource, deren Zugänglichkeit man noch verbessern könnte. Aber es gibt immer wieder technische Probleme, und es ist im Moment nicht so klar, wie es mit dem Archiv in Nijmegen weitergeht. Es ist ja eine Einrichtung der Max-Planck-Gesellschaft. Und die fördert nur Ressourcen, die von den aktuellen Direktoren benötigt werden.

          Könnte der Sprachschatz also bald verlorengehen?

          Das Material wird sicherlich von einer anderen Institution übernommen, wenn es in Nijmegen nicht mehr weitergeht, vielleicht sogar von uns in Köln. Wir sind gerade dabei, dafür eine eigene Infrastruktur zu entwickeln.

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