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Sprache im Wahlkampf : Wer kann?

Kann er Moderator? Kann sie Moderatorin? Bei Peter Kloeppel und Pinar Atalay war das am Sonntagabend nicht die Frage. Bild: dpa

Im Krieg leidet die Wahrheit, im Wahlkampf die Sprache. Was ist gemeint, wenn jemand behauptet, ein Kandidat „kann Kanzler“? Ein paar Gedanken zwischen Werden und Sein.

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          Peter Kloeppel kann Moderator. Pinar Atalay kann Moderatorin. Deshalb fragt Kloeppel die Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock: Warum kann Olaf Scholz nicht Kanzler? Und deshalb fragt Atalay den Kanzlerkandidaten Olaf Scholz: Warum kann Armin Laschet nicht Kanzler? Die so Gefragten tappen zwar nicht in die Falle. Sie weisen die Frage als schlechten Stil zurück. Aber brandmarken sie erstaunlicherweise auch nicht als ein grammatisches Unding. Denn was soll diese sprachliche Infantilisierung des „Könnensbewusstseins“, wie der Althistoriker Christian Meier den Stolz übers handwerkliche Know how in der griechischen Antike nennt? „Kann ich mal den Honig?“ So fragen die unter Zehnjährigen am Frühstückstisch. „Haaaben“, ergänzen die Erziehungsberechtigten. Es heißt: „Kann ich mal den Honig haben?“ Und analog zu dieser Normalo-Wendung muss es ziemlich unelliptisch heißen: Warum kann Scholz, warum kann Laschet nicht Kanzler – werden?

          Will man es futuristisch sehen, dann handelt es sich um eine Frage von Prophezeiung und Erfüllung. Man möchte wissen: Warum kann sich dieser Kanzlertraum nicht erfüllen? Dann aber trägt der fragende Prophet die Beweislast, nicht der Kandidat. Oder man löst die Frage aus dem Zeitstrahl heraus und meint sie seinsmäßig im Sinne einer ontologischen Befähigung: Warum kann jemand nicht Kanzler – sein? Es geht dann darum, dass es einer schlichtweg nicht bringt. Also nach dem Motto: Der geht ja gaaar nicht. Das ist zwar immer noch ein grammatischer Stummel, aber doch unmittelbar verständlich als Verheutigung der rückwärtsgewandten Mitteilung: Das gehört sich nicht. Warum es jemand seinsmäßig nicht bringt oder eben gaaar nicht geht, wird entlang der Kette von Ursache und Wirkung sagbar.

          Die Wirkung, als das Spätere, wird normalerweise durch die Ursache gesetzt. Doch hier bleibt die Wirkung aus beziehungsweise geht nach hinten los. Der Kandidat ist demnach nichts als ein fehlendes Kettenglied bei der Herstellung von Kausalität. Er ist gewissermaßen ein Totalausfall. Beispielsweise weil er nicht alle Tassen im Schrank hat, seine Nerven dauerblank liegen oder er anderweitig verhaltensauffällig ist. Man spricht ihm zwar nicht das Könnensbewusstsein ab – das ist subjektiv womöglich voll ausgebildet –, wohl aber das Können. Wer kann so sprechen, dass man nicht versteht, was gemeint ist, wenn vom Können die Rede ist? Kann doch jedes Kind!

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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