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Sportsystem in der Kritik : Chinese zu sein ist hart

Eifersucht und Neid sprächen aus den westlichen Verdächtigungen gegen das sechzehnjährige Schwimmwunder Ye Shiwen, meinen viele Chinesen Bild: Michael Kappeler/dpa

In China kommen die Olympischen Spiele in London ganz anders an als noch vor vier Jahren in Peking: Das auf Siege fixierte Sportsystem des Staates stößt auf sehr viel Kritik.

          In London mögen die Olympischen Spiele wie ein Déjà vu von Peking 2008 wirken: Die Chinesen gewinnen eine Goldmedaille nach der anderen und scheinen sich für die ganze Veranstaltung nur insofern zu interessieren, als sie ihnen zur nationalen Selbstdarstellung dient. Aber in China selbst kommen die Spiele ganz anders an als noch vor vier Jahren. Das auf Siege fixierte staatliche Sportsystem stößt in Websitekommentaren und Mikroblogs auf so viel Kritik, dass sogar die offiziellen Medien ihren Ton schon verändert haben.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ein Anlass des Unmuts war der Gewichtheber Wu Jingbao, der, als er nur Silber gewann, erklärte: „Ich habe mein Land, mein Team und alle, die mir zur Seite stehen, beschämt. Es tut mir leid.“ Für viele Kommentatoren auf Weibo, dem chinesischen Twitter-Äquivalent, tat sich hinter dieser Äußerung ein Abgrund auf: „Die Entschuldigung schien von Wu Jingbao selbst zu kommen, aber in Wirklichkeit zeigt sie, was in den Köpfen des Sportamts vorgeht. Wenn ein chinesisches Kind im Schieß-Wettbewerb neun von zehn Punkten erreicht, wird es ausgeschimpft, weil es einen Punkt verpasst hat; ein ausländisches Kind würde beglückwünscht, wenn es nur einen Punkt bekäme. Es ist so hart, ein Chinese zu sein.“

          Den Sinn des Sports verfehlt

          Überzüchteter Leistungsehrgeiz ist den Chinesen auch aus der Schule und der gesamten Kindererziehung bis hin zum Klavierunterricht vertraut. Im Falle des Sports, monieren die Kritiker, verbinde er sich mit den Ambitionen des Staates und einem weitgespannten kommerziellen Interessengeflecht. Wenn ein chinesischer Sportler eine Goldmedaille gewinnt, verdienen die Leute vom gesamten Team daran, die Verbandsoffiziellen, aber auch die Funktionäre des Heimatorts und die Sponsoren. Deshalb kommt jede andere Medaille einer Katastrophe gleich. Zwei chinesische Sportlerinnen, die beim Schießen Gold und Bronze gewonnen hatten, erfuhren laut einem vielbeachteten Blogeintrag völlig verschiedene Reaktionen: Yi Siling, die erste Siegerin der gesamten Spiele, habe eine Gratulation des Staatsrats und zahlreiche Interviews im staatlichen Fernsehen bekommen, während Yu Dan mit ihrem dritten Platz noch nicht einmal nah ins Bild gerückt worden sei. „Dieses Land“, schloss der Blogger, „hat keine Ahnung, wie man Respekt zeigt; es hat nichts Großes, nur Goldmedaillen.“

          Dies alles, meint die Website caixun.com, verfehle den Sinn des Sports: „In den Augen vieler Chinesen heißt Sport, der Welt zu zeigen, wie stark wir sind, und Sportstars sind dazu da, Goldmedaillen zu gewinnen. Wir haben keinen Schimmer davon, dass Sport eigentlich nur eines von vielen Spielen ist.“

          „Kein Respekt vor dem Gegner, kein Respekt vor den Zuschauern, kein Respekt vor der Veranstaltung“: Die Badminton-Spielerinnen Wang Xiaoli and Yu Yang wurden bei den Olympischen Spielen disqualifiziert, weil sie in der Gruppenphase absichtlich Spiele verloren, um später auf weniger starke Gegner zu treffen

          Die Selbstkritik erstreckt sich sogar auf die beiden chinesischen Badmintonspielerinnen, die vorgestern wegen absichtlichen, taktischen Verlierens disqualifiziert wurden. Manche sprangen ihnen zwar zur Seite („Was ist denn die Schuld daran, dass man sich strategisch verhält? Die Ausländer verstehen das nicht.“), aber erstaunlich viele regten sich über dieses „ewige Lückensuchen“ auf, hinter dem sie einen Grundzug im chinesischen Umgang mit Regeln entdecken. Ein anderer bemängelte: „keinen Respekt vor dem Gegner, keinen Respekt vor den Zuschauern, keinen Respekt vor der Veranstaltung“. Die staatlichen Medien beeilten sich ebenfalls, die Beteiligten zu kritisieren. Die Agentur Zhong Xin She macht in der Debatte über den Goldmedaillen-Komplex nun ganz neue Gefühle bei den Chinesen aus: „Man hat in der Öffentlichkeit eine Toleranz gegenüber der Niederlage gelernt.“ Wenn Parteizeitungen wie die „Global Times“ sich schon zu defensiven Überschriften wie „Olympische Goldmedaillen sind immer noch in der Lage, Nationen zu inspirieren“ bemüßigt fühlen, merkt man in der Tat, dass sich etwas Wichtiges geändert haben muss.

          Der Westen fürchtet um sein Spielzeug

          Ein Professor interpretiert dort die besondere Sieger-Orientierung der Chinesen wie gewohnt als Kompensation für die nationalen Demütigungen seit dem neunzehnten Jahrhundert. Tatsächlich funktionieren die entsprechenden Reflexe immer noch, wie man an den ziemlich einheitlich wütenden Reaktionen auf westliche Verdächtigungen gegen das sechzehnjährige Schwimmwunder Ye Shiwen sehen konnte. Eifersucht und Neid sprächen daraus, meinen die meisten, und einer formuliert: „Ausländer sind offensichtlich langsam beim Begreifen; glauben sie immer noch, dass China der kranke Mann Asiens ist?“

          Aber anscheinend lässt die Wirkkraft dieses Schemas nach. Das Kollektiv-Bewusstsein setzt weniger als früher das individuelle Fairnessgefühl außer Kraft, wenn beide einmal miteinander konkurrieren. Für den Westen ist das eine erst mal beruhigende Nachricht. China hatte die nationalistische und kapitalistische Logik, die aus der fortschreitenden Kommerzialisierung und aus dem Medaillenspiegel von Olympia spricht, zuletzt so sehr beim Wort genommen, dass viele in der Alten Welt schon fürchteten, ihnen würde ihr eigenes Spielzeug aus der Hand genommen.

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