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Spionage-Museum in Oberhausen : Sie sind unter uns

Bild: Ausstellung Oberhausen

Wie der Kalte Krieg zur Shopping-Mall kam - in Oberhausen gibt es jetzt ein Spionage-Museum. Eines ist bei dieser Revue öffentlicher Geheimnisse garantiert: die Familientauglichkeit.

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          Einmal umsteigen in Essen, Hauptbahnhof, graue Hochhaustürme an einem grauen Vormittag, dann mit der S-Bahn weiter über Mülheim, Christoph Schlingensief ist hier groß geworden, Helge Schneider lebt hier irgendwo immer noch, vor dem Fenster ziehen die altgewordenen Neubauten der Bundesrepublik vorbei, Bungalows, Schrebergärten, Supermärkte, und dann ist Endstation, Oberhausen: eine Stadt, die im neuesten Streit um den Solidarpakt und wie gerecht es eigentlich ist, dass zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung Kommunen aus dem Westen noch immer Geld in den Osten geben, zum Symbol geworden ist, zu einer Art Bitterfeld an der Ruhr. „Damit Jena blühen kann“, schrieb „Die Zeit“ vor kurzem, „muss Oberhausen bluten.“ Und dass, wenn es so weiterginge, in diesen Kommunen bald „alles weniger, kürzer, dunkler“ werde: „Einen Staat, der so trostlos aussah, gab es schon einmal. Das war die DDR.“

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Seit Donnerstag hat Oberhausen ein Museum, in dem sich nicht nur die Leute von der „Zeit“ mal anschauen können, wie es in dieser DDR so aussah. Ein DDR-Museum in Oberhausen, direkt am sogenannten „CentrO“, ein paar Hundert Meter vom Gasometer entfernt, der zum neuen Wahrzeichen auf den Brachen der einstigen Industrielandschaft geworden ist. In der „Neuen Mitte“, wo früher die Gutehoffnungshütte stand und man heute einkaufen, essen, schwimmen und ins Kino gehen kann.

          Zurück in die Zeit des Kalten Krieges

          Das Museum heißt nur gar nicht so, es heißt „Top Secret“ und zeigt 2000 Exponate aus der „Welt der Spionage“: Infrarotkameras, falsche Koffer, Pistolen, Abhöranlagen, die meisten Sachen stammen aus dem Besitz des Sammlers Heinrich Peyers, und wenn man sich die Website des Museums anschaut und sein Schlapphut-Logo und sich klarmacht, dass es an einer Mall liegt und gleich neben dem Aquarium, in dem Paul gelebt hat, die Orakel-Krake der letzten Fußball-WM, dann könnte man denken, „Top Secret“ sei ein großer Familienspaß. Dort, wo es um James Bond geht (samt einem „Originalnachbau“ seines Aston Martin) und wo man einen Gang mit Laserbewegungsmeldern durchqueren muss, ist das auch so. Auch die kleine Kamera im Büstenhalter ist kurios. Oder die noch kleinere Minipistole. Oder das Erdnussmesser.

          Aber der Kern dieses Museums, das am 26. April vom Oberhausener Oberbürgermeister Klaus Wehling eröffnet wurde, ist die deutsch-deutsche Geschichte. Der Kalte Krieg. Das liegt vor allem an der Sammlung, aus der es sich bestückt: „Als die Bürgerrechtsbewegung die Gebäude der Staatssicherheit gestürmt hat“, erzählt Peyers, „habe ich eben das gesammelt, was die nicht kaputt gemacht haben.“ Auf den letzten Metern des Museums steht zum Beispiel ein betonmischerartiges Gerät, mit dem die Stasi auf den letzten Metern der DDR ihre Akten zu Brei gestampft, „verkollert“ hat. Auch ein tödlicher Fluchtversuch von zwei 15-Jährigen ist dokumentiert, 1979 war das. 61 Mal haben die Grenzer auf die Jungen geschossen.

          Ein Zoom vom All bis zum eigenen Kopf

          Hermann Peyers, 57 Jahre alt, ist Medizintechniker und war in den achtziger Jahren für den Ostblock zuständig, wohin er Operationsgeräte verkaufte, so kam er mit Industriespionage in Kontakt, gesammelt habe er aber schon zu Schulzeiten. Die „harten“ Sachen, die er zum Teil auf seinem Dachboden in Peine gelagert habe, könne man der Öffentlichkeit allerdings nicht so ohne weiteres zeigen: In Gera habe er beispielsweise eine Zelle abgebaut, doch wie in ihr gefoltert wurde, das zu dokumentieren ginge ihm in diesem Rahmen zu weit. (Dazu muss man zur Gedenkstätte nach Hohenschönhausen fahren, ins ehemalige Stasi-Untersuchungsgefängnis.)

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