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Moskau ohne „Maus“ : Spiegelmans Comic-Klassiker aus Buchhandlungen verbannt

Coverbilder von Art Spiegelmans „Maus“ in einer Ausstellung des Jüdischen Museums in Berlin Bild: Picture-Alliance

In der russischen Hauptstadt darf wegen der Siegesparade zum siebzigsten Jahrestag des Kriegsendes kein Hakenkreuz mehr gezeigt werden. Getroffen hat es auch Art Spiegelmans „Maus“.

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          Man könnte es für einen Schildbürgerstreich halten, wenn der berühmteste antifaschistische Comic der Welt (der nebenbei auch noch der berühmteste autobiographische, historiographische und psychologische Comic ist) deshalb nicht mehr verkauft wird, weil sein Titelbild ein Hakenkreuz zeigt. Doch genau so ist es. Die russische Regierung hat eine Verordnung erlassen, die das Zeigen des Hakenkreuzsymbols in der Hauptstadt Moskau mit Rücksicht auf die dort bevorstehenden Feierlichkeiten zum siebzigsten Jahrestag des Kriegsendes von 1945 verbietet. Folgerichtig haben die Moskauer Buchhändler Art Spiegelmans Comic „Maus“ aus ihren Geschäften verbannt. Man weiß ja nie; die Stadtverwaltung hatte Kontrollgänge angekündigt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          „Maus“ erzählt die Geschichte von Anja und Vladek Spiegelman, den Eltern des Zeichners, die als polnische Juden nach Auschwitz deportiert wurden und beide überlebten, während ihr kleiner Sohn im Getto starb und der größte Teil ihrer Angehörigen ermordet wurde. Art Spiegelman kam 1948 als zweites Kind des Ehepaars zur Welt, in Stockholm, wohin es seine Eltern als displaced persons verschlagen hatte, um auf die Ausreise in die Vereinigten Staaten zu warten. Die Spiegelmans gingen nach New York, doch sie wurden die Vergangenheit nicht los: Anja Spiegelman wählte 1968 den Freitod, weil sie die Last der Erinnerung nicht tragen konnte. In seinem 1982 begonnenen Comic „Maus“, der 1992 abgeschlossen wurde, erzählt ihr Sohn Art nicht nur von den Erlebnissen seiner Eltern im deutsch besetzten Polen und in Auschwitz, sondern auch von seinem heiklen Verhältnis zum Vater und dessen Umgang mit der Vergangenheit. Berühmt wurde das Buch dadurch, dass Spiegelman in alter Comictradition Tierfiguren einsetzte: Die Juden sind Mäuse, die Deutschen Katzen.

          Das deutsche Cover von Art Spiegelmans „Maus“

          Natürlich gibt es in „Maus“ keine einzige nazifreundliche Szene, das Buch ist vielmehr eine der eindrucksvollsten Schilderungen der Schoa. Auf dem Titelblatt der amerikanischen Buchausgabe sieht man das Ehepaar Spiegelman in Lumpen gehüllt zusammengekauert unter einem riesigen Hakenkreuz, in dessen Mitte ein zur Katze stilisiertes Hitlerporträt prangt. Art Spiegelman hat für alle Übersetzungen seines Comics – und deren gibt es mittlerweile Dutzende – die Beibehaltung dieses Motivs vorgeschrieben. Das galt auch für die erste deutsche Buchausgabe von 1989, die wie deren amerikanische Vorlage von 1986 nur die bis dahin fertiggestellte erste Hälfte der Geschichte abdruckte. Spiegelmans früherer deutscher Verlag, Rowohlt (heute wird sein Werk von S. Fischer verlegt), hatte große Bedenken, weil auch in Deutschland das Zeigen verfassungsfeindlicher Symbole, darunter natürlich das Hakenkreuz, verboten ist. Doch Spiegelman ließ sich auf keinen Kompromiss ein, und es gab auch keine Schwierigkeiten.

          In Moskau gibt es keine organisierte Kampagne gegen den erst von einem Jahr erstmals ins Russische übersetzten Band „Maus“ (im Verlag Corpus); es handelt sich um reine Ängstlichkeit der Buchhändler vor Bestrafung, weil niemand weiß, ob auch nazikritische Publikationen unter das Verbot fallen. Darüber sollte man nicht spotten: In Deutschland hatte es vor Jahren einen vergleichbaren Fall gegeben, als Aufkleber einer antifaschistischen Gruppe, die ein Strichmännchen zeigten, das ein Hakenkreuz in den Mülleimer warf, beschlagnahmt und verboten worden waren. Und auch wenn das Titelblatt „Maus“ seit 1989 nie beanstandet wurde, wählte zum Beispiel der Carlsen Verlag vor fünf Jahren für die deutsche Publikation des Comicbandes „Operation Fledermaus“ (im französischen Original „Le Groom vert-de-gris“ – Der Page in Feldgrau), der im Rahmen der Erfolgsserie „Spirou und Fantasio“ erschien und eine Geschichte aus der deutschen Okkupationszeit in Belgien erzählt, ein Umschlagmotiv, das kein Hakenkreuz zeigte, während die französische Ausgabe eine riesige Swastikafahne auf das Titelblatt setzte.

          Art Spiegelman

          Auch der Aufbau-Verlag, der vor wenigen Wochen die 1943 in Amerika publizierte Comicversion von Anna Seghers‘ antifaschistischem Roman „Das siebte Kreuz“ erstmals auf Deutsch veröffentlicht hat, verzichtete bewusst auf ein Hakenkreuz auf dem Titelbild, ließ aber immerhin eines auf der Rückseite unretuschiert stehen. Konsequenzen fürchten muss das Haus dafür wohl kaum. Ebenso wenig wie die russischen Buchhändler, denn die Verordnung zum Verbot des Zeigens von Hakenkreuzen umfasst nicht dessen kritischen Gebrauch. Ein Sprecher von Präsident Putin äußerte sich, als man ihn auf das Verschwinden von „Maus“ aus Angst vor etwaiger Bestrafung ansprach, einigermaßen entschieden: „Ich habe zwar keine eindeutige Meinung dazu, aber es ist klar, dass sich alles im Rahmen halten muss.“ Damit meinte er die Auslegung des Gesetzes. Das Hakenkreuz in Spiegelmans Meisterwerk bleibt ja comicbedingt eh im Rahmen.

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