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„Spiegel“ zu Bad Kleinen : Das beste Mittel gegen Fake News

Der Bahnhof von Bad Kleinen im Juni 1993: Hier wurde die RAF-Terroristin Birgit Hogefeld damals festgenommen, der RAF-Terrorist Wolfgang Grams und ein GSG9-Beamter kamen zu Tode. Bild: AP

Der „Spiegel“ geht mit seiner Titelgeschichte über den Antiterroreinsatz gegen die RAF in Bad Kleinen im Juni 1993 ins Gericht. Das Urteil über die Arbeit eines berühmten Rechercheurs fällt eindeutig aus.

          2 Min.

          Mit dem Begriff „Fake News“ kam der amerikanische Präsident Donald Trump an die Macht. Er ist das zentrale Instrument seiner Rhetorik. Was ihm nicht passt, ist Fake News. Was wahr ist, wird als falsch ausgewiesen, was Medien über ihn verbreiten, kann, so es nicht Lobeshymnen sind, auch nichts anderes als Fake News sein.

          Diese freilich gab es lange vor Trump. Staatliche Propaganda, die Zurichtung von Fakten für ein bestimmtes Ziel oder auch fehlerhafte Berichterstattung, die vorherrschende Erwartungen erfüllt und zur Legendenbildung beiträgt.

          Mit einer solchen hat der „Spiegel“ in eigener Sache gerade auf vorbildliche Weise aufgeräumt. Die „Aufklärungskommission“ des Magazins hat sich mit der Titelgeschichte über den Antiterroreinsatz in Bad Kleinen am 27. Juni 1993 beschäftigt. Damals griff die GSG9 am Bahnhof von Bad Kleinen zu, um RAF-Terroristen zu stellen.

          Der Einsatz verlief katastrophal. Die Terroristin Birgit Hogefeld konnte festgenommen werden, bei einem Schusswechsel aber starben der Polizeibeamte Michael Newrzella und der Terrorist Wolfgang Grams. Er beging, wie vor Gericht mehrfach festgestellt wurde, Suizid.

          Im „Spiegel“ (Heft 27/1993) aber stand etwas anderes: „Die Tötung des Herrn Grams gleicht einer Exekution.“ Zugeschrieben wurde die Schilderung jemandem, der an dem Antiterroreinsatz angeblich beteiligt war, beigebracht hatte sie der Journalist Hans Leyendecker, der damals Redakteur beim „Spiegel“ war.

          Seine Story und eine gleichartige des WDR-Magazins „Monitor“, die ebenfalls die These vertrat, der RAF-Mann Grams sei von der Polizei „ermordet“ worden, hatten Folgen. Der damalige Innenminister Rudolf Seiters trat zurück, der Generalbundesanwalt Alexander von Stahl wurde in den Ruhestand geschickt.

          Zweifel an der Story aber gab es von Beginn an, Leyendecker bezeichnete es später wiederholt als Fehler, nur einer Quelle vertraut zu haben, die sich als fehlerhaft erwies. Eigentlich, sagte er einmal, hätte er rausfliegen, nicht Seiters zurücktreten müssen.

          Die Aufarbeitung des „Spiegels“ stellt dieses Selbstbekenntnis nun bei weitem in den Schatten. Minutiös wird dargelegt, wie widersprüchlich sich Leyendecker mit Blick auf die vermeintliche Quelle verhalten und jetzt auf Nachfrage geäußert habe. Das Fazit lautet: „Der ,Spiegel‘ hat mit der Berichterstattung auf Basis einer mangelhaft geprüften und falschen Aussage einen journalistischen Fehler begangen.“ Man bedauere diesen Fehler und mache die Sache transparent.

          Und das tut das Magazin auf zehn Seiten wirklich. Es verabreicht allen, die es nachvollziehen wollen, das beste Gegengift gegen Fake News und Leute, die echten, der Wahrheit verpflichteten Journalismus als Fake News diskreditieren.

          Michael Hanfeld
          (miha.), Feuilleton

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