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„Spiegel“-Cover : Kaputtgedacht

  • -Aktualisiert am

Das neue „Spiegel“-Cover wird von seinen Urhebern als das reine Feuerwerk an Bildverweisen und rhetorischen Figuren dargestellt. Doch wenn man genauer darüber nachdenkt, gerät man ins Grübeln.

          Das neue Heft des „Spiegels“ zeigt die Kanzlerin unter der Überschrift „The German Übermacht“ mittels Fotomontage im Kreis von Wehrmachtsoffizieren, im Hintergrund die Akropolis. Große Aufregung beim einen Teil des Publikums, Beifall bei anderen, Gähnen bei Dritten. Die „Hausmitteilung“ im Inneren des Magazins bezeichnet jeden Vergleich mit dem „Dritten Reich“ als unsinnig. Jeden, also auch den auf dem Titelblatt? Doch kann man Unsinn als solchen zeigen, indem man ihn nachbaut und über etwas, das man selbst zusammenmontiert hat, drüberschreibt: Wie Europäer auf die Deutschen schauen? Das Bild würde dann mitteilen, wie „Spiegel“-Redakteure auf Europäer schauen, die auf Frau Merkel schauen? Bildwissenschaftler, bitte melden.

          Der Chefredakteur des „Spiegels“ lieferte in einem Blog sofort zusätzliches Material für Interpreten. Es handele sich unmissverständlich - darum wohl die Erklärung - um Ironie (noch mal nachschauen, was das Wort bedeutet) und um ein Zitat und um eine Verfremdung (griech.: Apostasiopoiese). Respekt, so viel Rhetorik in einem einzigen Cover! Vielleicht war es auch noch ein Adynaton (Vergleich mit Unmöglichem), eine Allusion (Sie wissen schon, was gemeint ist), ein Dysphemismus („Besatzerin“ für „Kanzlerin“), ein Oxymoron (ausrauben durch Bürgschaftsübernahme), ein Solözismus (Schulden und/oder Schlagzeilenzwang essen Verstand auf)? Alles schwer zu entscheiden. Der Leiter des Hauptstadtbüros beim „Spiegel“, Jan Böhmermann, äh, nee, Nikolaus Blome, verteidigt das Bild, man müsse „ab und zu auch mal darüber nachdenken“, wie Deutsche von den anderen gesehen würden. Die Anderen. Na, mehr so die Griechen, manche jedenfalls, ein paar Engländer vielleicht, in Italien hat man auch recherchiert und in Brüssel.

          Ob auch „die“ Franzosen, Niederländer, Slowaken, Slowenen und Esten finden, dass Milliarden für Griechenland und das Bestehen auf Verträgen stark an Deutschland um 1941 erinnern, von den Finnen und den Iren ganz zu schweigen? Und ob die Griechen, wenn sie auf den „Spiegel“-Titel schauen, jetzt denken müssen, dass die Deutschen selber so auf die Deutschen schauen, wie sie denken, dass die Griechen auf die Deutschen schauen, auch wenn jeder Vergleich natürlich unsinnig ist? Könnte man auch ab und zu mal drüber nachdenken. Muss man aber nicht. Denn darin läge immerhin das Risiko, den Geschmack an der Bildmischung aus deutschem Selbstverstehen durch projektives Fremdverstehen, Weltkriegs-Motiven und Merkel-Kritik zu verlieren, deren unwiderstehlicher Reiz für „Spiegel“-Macher auf der Hand liegt. Und so, wie man Geschichten nicht kaputtrecherchieren soll, so soll man natürlich auch Titelbilder nicht kaputtnachdenken.

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