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Spektakuläre Graböffnung : Tycho Brahes Weg zu Shakespeare

Was ging in diesem Hirn vor? Die Schädelreste werden darüber nichts verraten Bild: AFP

Wurde der Astronom mit Quecksilber vergiftet? Hatte er eine Affäre mit der Königinmutter? Lieferte er die Vorlage für das Hamlet-Drama? Die Öffnung von Tycho Brahes Grab in Prag wird zum kuriosen Shakespeare-Krimi.

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          Das Kind kommt aus dem Garten zurück und teilt mit, ein Elefant sei aufgetaucht. Man wird ihm nicht glauben und die Geschichte auf seine Unreife schieben, auf naiven Geltungsdrang. Andererseits kann ja wirklich ein Elefant dort herumstehen; die Wissenschaftstheorie wird es jedenfalls nicht von vornherein für ausgeschlossen halten. Am Blick aus dem Fenster kommt man nicht vorbei. Nun geschieht es manchmal auch Erwachsenen, angesehenen Forschern, dass in ihrem Garten ein Elefant auftaucht und sie der gelehrten Welt ihre Entdeckung mitteilen.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Dies ist der Fall des in Straßburg lehrenden Literaturwissenschaftlers Peter Andersen, eines gebürtigen Dänen. Und es sind gleich zwei sehr dicke Dickhäuter, mit denen seine Menagerie aufwarten kann. „Kunstvaerket“, Kunstwerk, heißt sein bislang nur auf Dänisch (bei einem „Books on demand“-Verlag) erschienenes Buch.

          Das Gerücht über eine Affäre

          Der frühneuzeitliche Astronom Tycho Brahe (1546 bis 1601), der an der Grenze der Weltbilder stand, des alten, ptolemäischen, mit der Erde als Mittelpunkt, und des neuen, kopernikanischen, heliozentrischen - Tycho Brahe also sei ermordet worden, glaubt Peter Andersen. Quecksilberspuren in Brahes sterblichen Überresten, von denen man seit zwanzig Jahren weiß, lassen den Gedanken nicht ganz abwegig erscheinen. Andererseits könnte sich Brahe, der auch alchimistisch tätig war, die Vergiftung selbst zugezogen haben. Den genauen Quecksilbergrad festzustellen ist die Absicht der Graböffnung, die jetzt in Prag stattfand.

          Professor Niels Linnerup von der Universität Kopenhagen untersucht die sterblichen Überreste des Astronomen

          Andersen hat die Tagebücher von Erik Brahe, dem Cousin, ausgewertet. Sie enthalten viele Stoßgebete, einmal auch ein „Mea culpa“; ohne dass man indes wüsste, worauf diese Äußerungen sich beziehen. Aber Erik ist Andersens Hauptkandidat für die angenommene Untat. Er handelte, so die These, im Auftrag des dänischen Königs Christian IV. Dessen Motiv könne das Gerücht über eine Affäre zwischen dem Astronomen und der Königinmutter gewesen sein (dann wäre, weitere Spekulation, Brahe der leibliche Vater des Königs gewesen) - und, dass Tycho Brahe den (rechtlichen) Vater des Königs umgebracht habe. Ins Komplott war Jon Jakobsen verwickelt, Berater des Königs - ein entschiedener Heliozentriker und somit ein Gegener des kosmologischen Kompromisslers Tycho.

          Der König war Hamlet, Tycho Brahe der verräterische Claudius?

          Nun betritt der zweite Elefant die Szene: Hamlet. Durch Jakobsen sei der Intrigenstoff an Shakespeare gekommen. Auf welchem Wege genau, muss Andersen einstweilen offenlassen. Also: Der König war Hamlet und Tycho Brahe der verräterische Claudius, der Mörder von Hamlets Vater. Andersen ist ein Mann, der die großen europäischen Mythen kennt, das Nibelungenlied und die Artusdichtungen. Wie großartig muss es sein, für solche Dinge einen Realitätskern zu finden!

          „To be or not to be“ - Andersen sieht eine Anspielung auf „T.B.“, Tycho Brahe. Und weiter: Das echte Schloss von Helsingör könne Shakespeare auch, aus architektonischen Gründen, nicht für die Erscheinung des Geists von Hamlets Vater benutzt haben, wohl aber passe das Anwesen des Astronomen zum Schauplatz des Stücks. Das sind Hypothesen, mit denen der Forscher seinen Ruf für immer verspielen dürfte. „Welch' edler Geist ward hier zerstört!“ (Hamlet, 3. Akt) In einem Jahr wird man immerhin die toxikologischen Befunde kennen.

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