https://www.faz.net/-gqz-p8bm

Spektakel : Wie ein Pferd zum neuen Volkshelden Italiens wurde

  • -Aktualisiert am

Ohne Reiter, aber mit Instinkt: das siegreiche Pferd Bild: AP

Das spektakulärste Pferderennen der Welt ist der „Palio“ im italienischen Siena: drei Minuten für die Ewigkeit.

          2 Min.

          Jedes Jahr findet in Siena zwei Mal im Sommer der Palio statt, ein Pferderennen auf einem der schönsten Plätze der Welt, dem Campo. Ein Dutzend bunt kostümierter Jockeys prescht auf Pferden mehrere Runden um den Platz. Beim ersten Rennen in diesem Jahr machte ein Pferd ohne Reiter das Rennen.

          Die letzten Minuten vor dem Start waren Nerven aufreibend. Zehn Jockeys, die in ihren bunt gestreiften Kostümen für die verschiedenen Stadtviertel antraten, versuchten ihre nervösen Pferde an der Startlinie zu halten. Die war markiert durch zwei Seile. Doch die Pferde dachten nicht daran, sich in der vorgeschriebenen Reihenfolge zwischen den Seilen aufzustellen.

          Besonders der Hengst des Stadtviertels „Selva“ trat ungestüm um sich und drängte die Mitbewerber gegen das Geländer der Rennstrecke. Mehrmals wurden die Reiter auseinander getrieben und wurden von Neuem zu ihren Startpositionen gerufen. Inmitten dieses Tumults gab der Schiedsrichter von seinem Balkon den Ohren betäubenden Startschuss ab: Das Rennen begann. In Schwindel erregendem Tempo preschten die zehn Jockeys auf ihren Rennpferden ohne Sattel in die erste Kurve des Campo, des muschelförmigen Platzes im Herzen von Siena.

          Drei Mal um den Platz in drei Minuten

          Die gefährliche San-Martino-Kurve

          Der Atem beraubende Galopp verdichtete sich wie auf einem futuristischen Gemälde zum Eindruck gelber, roter, blauer, orangefarbiger und weißer Farbtupfer, die über den ockerfarbenen Hintergrund der Häuserlandschaft huschten - dazwischen ein Meer von Menschen, das zwischen tosender Begeisterung und atemlosen Staunen hin- und hergerissen war.

          In der ersten Kurve bildeten die Gegner noch ein Knäuel aus Reitern und Pferden, doch in der zweiten Kurve, der gefährlichen San-Martino-Kurve, die wegen der dort immer wieder vorkommenden Stürze mit Matratzen gepolstert war, hatte sich ein blauer Reiter von den übrigen abgesetzt. Der Jockey der „Giraffe“ ritt den anderen, die in gebückter Haltung ihre Pferde mit weißen Stöckchen antrieben, stolz und erhobenen Hauptes voran. Der Sieg schien ihm sicher.

          Nur ein Sprung konnte ihn retten

          Das umso mehr, als in der nächsten Kurve sein ärgster Verfolger, der Reiter des „Einhorns“ mit seinem Pferd zu nahe an die Tribüne abgetrieben wurde und von seinem Pferd abspringen musste, um nicht an den Holzgeländern zerquetscht oder von den anderen zu Tode getrampelt zu werden. Das Pferd lief ohne ihn weiter.

          Aus einem unerfindlichen Grund verletzte sich das Pferd des blauen Reiters in der übernächsten Kurve einen Fuß. Es hinkte kurz, lief dann aber langsamer weiter - als widerspräche es seinem Stolz aufzugeben.

          Die Farben des Ruhmes

          In der letzten Runde begann ein Wettlauf zwischen dem blauen Reiter, dem orangefarbenen Jockey der „Civetta“ und dem reiterlosen Pferd mit dem Namen Hugo Sanchez. Das wurde zwar von seinem Reiter, aber nicht von seinem Instinkt verlassen und preschte als erstes über die Ziel-Linie.

          Als die Schüsse fielen, die den Sieger begleiten, stürmten Tausende Zuschauer auf die Bahn und feierten das Pferd der „Einhorn“-Contrada wie einen Volkshelden.

          Bis spät in die Nacht zog der Stadtteil um den Campo und durch ganz Siena, in der Mitte wie bei einer Marienprozession die Standarte des Palio, und schwenkte die orange-weißen Fahnen mit dem Einhorn-Wappen. Die Hymne des Stadtteils hallte bis in die frühen Morgenstunden durch die Gassen: „Weiß ist der Glaube, Orange die Geschichte, Blau ist in unseren Farben der Ruhm.“

          Ein Priester weihte das Pferd

          Das Pferd wurde zum Helden der Stadt. Es wurde gleich nach dem Sieg in tumultartigen Szenen von den Menschen des Stadtteils in die Kirche gebracht, wo es vor dem Rennen von einem Priester geweiht worden war. Dort wurde es gefeiert.

          Spät in der Nacht stand es gut bewacht in einem Stall, bestens mit Hafer versorgt. Die Fernseh-Teams wurden nicht müde, ihre Kamera über die Stalltür zu halten, um dieses Prachtexemplar eines Hengstes zu filmen.

          Weitere Themen

          Europa kaltmachen

          Putins Verfassungsreform : Europa kaltmachen

          Einbruchdiebstahl an den Bürgerrechten: Russische Oppositionelle sind alarmiert über die Verfassungsreform ihres Präsidenten Putin. Doch die Zivilgesellschaft kann sich nicht konsolidieren.

          Berlinale vor Jubiläums-Festival Video-Seite öffnen

          Neues Führungsduo : Berlinale vor Jubiläums-Festival

          Knapp einen Monat vor Eröffnung der 70. Internationalen Filmfestspiele besuchten Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian die Produktion der Berlinale-Bären. Unterdessen sorgt der Jury-Präsident Jeremy Irons für Schlagzeilen.

          Topmeldungen

          Arbeitgeber in Panik : Keiner kennt die Kosten der Grundrente

          1,5 Milliarden Euro könnten für die Grundrente womöglich nicht ausreichen, fürchten die Arbeitgeber. In der Union rumoren die Parlamentarier. Doch die Unions-Minister unternehmen keine hörbaren Anstrengungen mehr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.