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SPD-Kulturpolitiker Oliver Scheytt : Man muss ein Brandstifter sein

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Unser Freund Amerika? Wenn es um europäische Kultur geht, wird Oliver Scheytt zum Protektionisten. Bild: Gyarmaty, Jens

Oliver Scheytt ist im Team des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück für Kunst und Kultur zuständig. Ein Gespräch über Günter Grass, den richtigen Plan für das Berliner Stadtschloss und den falschen für das Freihandelsabkommen.

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          Herr Scheytt, wird ein Kulturpolitiker immer erst dann richtig wahrgenommen, wenn er kürzen muss?

          Wenn er es schafft wie Herr Neumann, mehr Geld zu besorgen, ist er erst mal das liebe Kind des Feuilletons. Ob das Geld dann richtig ausgegeben wird, wird dann manchmal weniger gefragt. Das ist ja auch so beim Humboldt-Forum und bei der Gemäldegalerie - erst kommt die Idee, dann das Geld, dann wird gebaut, und erst danach kommt das Konzept. Wie die Politik mit der Kultur umgeht, hat sehr viel damit zu tun, ob Geld da ist. Und sobald es da ist, ist es einfacher.

          Der amtierende Kulturstaatsminister Bernd Neumann ist dafür bekannt, Geld zu verteilen und sich ansonsten eher zurückzuhalten. Würden Sie das anders machen?

          Das Amt ist 1998 eingeführt worden, um das, was der Bund in der Kulturpolitik macht, sichtbarer werden zu lassen. Der erste Kulturstaatsminister Michael Naumann hat gesagt: Wir brauchen eine Debatte darüber in Deutschland, welche Relevanz Kunst und Kultur für unsere Gesellschaft haben. Diese Debatte liegt mir sehr am Herzen.

          Sie wollen zum Stil von Michael Naumann zurück?

          Michael Naumann kam nicht wie ich aus der Praxis der kommunalen Kulturarbeit. Ich möchte den sogenannten kooperativen Kulturföderalismus vorantreiben und bewusstmachen: Die kulturelle Infrastruktur wird von den Kommunen und den Ländern finanziert, sie haben die Verantwortung. Da würde ich ansetzen. In meiner Heimatstadt Essen gibt es das Aalto-Musiktheater und den Zollverein, der ein Symbol für 5,3 Millionen Menschen im Ruhrgebiet ist, aber beide bekommen keine Bundesförderung.

          Als Kulturstaatsminister können Sie aber kein einziges kulturpolitisches Problem in den Ländern lösen. Wo immer ein Theater oder Museum gefährdet ist, sind dem Bund seit der Föderalismusreform von 2006 die Hände gebunden.

          Ich würde dafür sorgen, dass aus dem Blaubuch Ost, das national bedeutsame Kultureinrichtungen in Ostdeutschland verzeichnet, ein Blaubuch Deutschland wird. Warum wird etwa das Tanztheater Pina Bausch in Wuppertal nicht vom Bund gefördert - eines der wichtigsten Zeugnisse moderner Kunst überhaupt, ein deutscher Exportartikel! Die Festspiele in Bayreuth bekommen 2,3 Millionen Euro vom Bund. Ich finde: Pina Bausch steht genauso für Deutschland. Und ist vielleicht ein viel tollerer Botschafter.

          Aber der Bund kann nun mal keine Theater oder Opernhäuser fördern, sondern nur Sonderveranstaltungen, Projekte oder Festivals wie eben Bayreuth. Wollen Sie das Grundgesetz ändern?

          Ich will meine Arbeitsweise verdeutlichen: Es kann nicht darum gehen, dass ein Staatsminister in jedem kleinen Nest als Feuerwehr auftritt - so viele Feuerspritzen kann man gar nicht haben -, sondern dass er ein Bewusstsein für das Ganze schafft und sich als Brandstifter einer intensiven und kontinuierlichen kulturpolitischen Debatte versteht. Und zum Beispiel ein Konzept erstellt, wie wir die Weltkulturerbe-Stätten in Zukunft fördern wollen. Bislang hat der Bund ein Konzept nur für die Gedenkstätten erarbeitet. Generell geht es darum, wie wir die Kommunen und Länder als Hauptträger mobilisieren.

          Sie sprechen oft vom Ruhrgebiet. Sie sind Standortpolitiker?

          Nein. Ich habe allerdings im Ruhrgebiet leibhaftig erfahren, wie wenig der Bund sich um diesen größten Ballungsraum Deutschlands kümmert. Berlin ist unser Schaufenster für die Welt. Doch auch ein Romantikmuseum in Frankfurt zum Beispiel stünde für eine deutsche und europäische Epoche, die Amerika und Asien so nicht erlebt haben. Ich fände es richtig, dass sich der Bund außerhalb Berlins stärker engagiert.

          Haben wir Sie da richtig verstanden: Ihr Hebel, um aus regionalen Kulturinstitutionen nationale Anliegen zu machen, wäre ein Konzept zum Weltkulturerbe?

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