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SPD : Die Stunde der Bellheims

Die SPD wird 140. Jubel ist freilich nicht zu hören. Statt dessen erheben die großen alten Männer der Partei ihre Stimmen: Schmidt und Vogel, Engholm und Gaus sagen Gerhard Schröder, wo es künftig langgehen soll.

          3 Min.

          Die SPD wird 140 Jahre alt, jedenfalls wenn man Ferdinand Lassalles Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins am 23. Mai 1863 als Geburtstag ansieht, wie die Partei es tut. Es wird gefeiert, wenn auch die Stimmung nicht danach ist. Doch je freudloser die Gegenwart, desto heller strahlt meist die Geschichte. Und dann schlägt die Stunde der Geschichtslehrer.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zwar sind Lassalle, Bebel, Schumacher oder Brandt längst tot, in der SPD aber gibt es genügend Leute, die sich offenbar gut an sie erinnern können. Sie alle erfahren in den Medien derzeit eine breite Wertschätzung. Hans-Jochen Vogel zum Beispiel, 77, darf in der „Zeit“ an diesem Donnerstag die Rubrik „Ich habe einen Traum“ füllen. Und beginnt mit dem ernüchternden Satz: „Träume habe ich selten.“ Aber „gerade jetzt“, fährt Vogel fort, „möchte ich träumen“. Manchmal muß man sich eben zwingen, wenn man etwas erreichen möchte.

          Und wovon möchte Vogel träumen? Von einer Begegnung mit Ferdinand Lassalle. „Lasalle war gut informiert. Er kannte die Namen von Willy Brandt und Gerhard Schröder und hatte auch von den aktuellen Diskussionen innerhalb der SPD gehört“, träumt Vogel. Den Namen von Oskar Lafontaine kennt Lassalle wohl ebenfalls, nennt ihn, den Fahnenflüchtling, indes nur „diesen merkwürdigen Saarländer“ und meint: „Erstaunlich auch, in welcher Zeitung er sich äußert.“

          Politische Kleingeisterei

          „An der Spitze der Partei hätte ich es heute auch nicht leicht“, gesteht Lassalle, verrät dem Junggenossen Vogel aber sein Erfolgsrezept: „Alle große politische Aktion besteht in dem Aussprechen dessen, was ist, und beginnt damit. Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist.“ Vogel ist beeindruckt und erwacht - mit dem Wunsch, „daß andere verantwortliche Sozialdemokraten ebenso wie ich den Versuch unternehmen könnten, die Probleme der SPD mit den Augen früherer Protagonisten zu betrachten“.

          Kein Problem: Dazu müssen sie nur die Zeitungen lesen. Etwa die „Süddeutsche“, wo Günter Gaus, 73, eine historische Betrachtung der deutschen Kanzler als Parteichefs mit einer scharfsinnigen Charakterstudie des derzeitigen Amtsinhabers verknüpft. „Viel spricht dafür, daß Gerhard Schröder am Ende sein Amt als Bundeskanzler über einen Pyrrhussieg verlieren wird“, schreibt Gaus. „In der Regel beginnt jeder politische Ansatz Schröders, einige wenige Sachfragen ausgenommen, zunächst auf dem Standpunkt, der Herr im Hause bin ich. Gerhard Schröder ist ein Agitator, heute gewöhnlich Populist genannt, der oft übers Ziel hinaus schießt. Nach jedem seiner Basta-Auftritte wirken die unvermeidlich nachfolgenden Kompromisse dann nach außen und innen nicht als Belege politischer Meisterschaft, sondern wie eine Addition halber Niederlagen.“

          Schröders Pyrrhussiege

          Schröders Vorvorgänger Helmut Schmidt hingegen konnte nach Ansicht von Gaus Pyrrhussiege vermeiden: Nachdem er die Partei mit dem Raketenbeschluß gegen sich aufgebracht habe, sei es ihm gelungen, sie mit einem Einschwenken auf Willy Brandts Versöhnungskurs wieder zu versöhnen. Schmidt, ein Vorbild für Schröder also? Fragen wir den Altkanzler doch am besten selbst.

          Ihre gesamte Titelseite hat die „Zeit“ an diesem Tag ihrem Ehrenvorsitzenden freigeräumt, der unter der optimistisch blauen Schlagzeile „Weil Deutschland sich ändern muß“ eine Regierungserklärung abgibt. Als erstes kanzelt Schmidt, 84, den „schwarzmalerischen Herdenjournalismus“ in Deutschland ab. Der so ganz falsch aber nicht liege: „Denn schwere Sorgen sind angezeigt.“

          Vulgär-Keynesianer

          Wie zuvor schon bei Vogel/Lassalle kommt auch bei Helmut Schmidt Oskar Lafontaine schlecht weg. Die „Vulgär-Keynesianer“ seien „blind für die wachsende Schuldenlast kommender Haushalte“. Statt dessen empfiehlt Schmidt die Rezepte des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog, 69, dessen Adlon-Rede „auch nach sechs Jahren brandaktuell“ sei, sowie - ohne ihn zu erwähnen - den Ansatz des „Spiegel“, 56, der eine Serie über das „verstaubte Grundgesetz“ begonnen hat: „Es ist eine erstaunliche Oberflächlichkeit der Diskussion, daß nicht erkannt wird, wie sehr das Überwuchern der Bundesgesetzgebung die Handlungsfreiheit der Länder und der Städte beschnitten und sogar gelähmt hat“, schreibt Schmidt.

          Aber der Altkanzler sieht auch Ermutigendes: „Optimismus fällt uns gegenwärtig nicht leicht. Aber die erste Nachkriegsgeneration hat doch Zielstrebigkeit und Tatkraft vorgemacht - und die heutige Generation deren Gene geerbt.“ Alles eine Frage der Gene also? Der Kurzzeit-SPD-Vorsitzende Björn Engholm war keiner, der als besonders zielstrebig und tatkräftig galt. Engholm, 63, hat anläßlich des SPD-Jubiläums Besuch von der „Frankfurter Rundschau“ bekommen.

          Das Eiland Utopia

          Engholm verweigert im Gespräch Aussagen über „Gerhard“ oder „Oskar“, redet dafür aber „Oscar“, nämlich Oscar Wilde. „Keine Landkarte taugt, auf der nicht das Eiland Utopia verzeichnet ist“, zitiert Engholm Wildes Dorian Gray. Außerdem macht Engholm den „FR“-Reporter mit Kenneth Galbraiths Roßäpfel-Theorem vertraut: „Derzeit ist es doch so, dass wir die dicksten Gäule mit dem besten Hafer füttern - in der vagen Hoffnung, dass sie dann dicke Pferdeäpfel produzieren, von denen auch die Spatzen leben können.“

          Was nun kann Gerhard Schröder den Ratschlägen der SPD-Bellheims entnehmen? Daß er mehr träumen, daß er die Reise nach Utopia wagen soll? Keine Kompromisse mehr eingehen? Oder ganz realpolitisch die Gesetze entstauben? Den Gäulen den Hafer wegnehmen und ihn direkt den Spatzen vorzusetzen?

          Auch wenn es schmerzen mag, so klingen die weisen Reden der Altvorderen zusammengenommen nicht viel anders als die Kakophonie, die man seit Monaten von den heute aktiven Genossen hört. Ob das Gerhard Schröders Sache weiter erschwert oder sogar etwas leichter macht, wird der Bundeskanzler selbst am besten wissen.

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