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Sparen auf Niederländisch : Hochkultur? Nur ein linkes Hobby

  • -Aktualisiert am
Was wird aus einem Land, das an der Kultur spart?
          4 Min.

          Riesige Einsparungen bei Theater, Oper, Museen, Orchestern, und das mitten in einem soliden Wirtschaftsaufschwung - ein solches Streichkonzert würde wohl in keinem Land der Regierung Sympathien einbringen. Außer in Holland. Wo pragmatischer Kaufmannsgeist und calvinistische Nüchternheit Alltag wie Politik durchdringen, hat eine Megakürzung von zweihundert Millionen Euro jährlich jetzt Gesetzeskraft. Geiz ist angesagt in Den Haag. Beim nächtlichen „Marsch der Kultur“ von Rotterdam nach Den Haag waren Ende Juni gerade einmal tausend Erboste mitgelaufen, darunter der Regisseur Pierre Audi und der Dichter Ramsey Nasr. Bei der Ankunft übernachteten die Demonstranten in Theatern der Hauptstadt, nur um dann live mitzubekommen, wie das Parlament emotionslos ein Drittel allen Geldes für die Bühnenkunst und immerhin noch zehn Prozent der Museumsmittel ab 2013 aus dem Etat strich.

          Es hat sich gezeigt, dass die alten Mittel der Achtundsechziger-Generation, mit Krach und Provokation das soziale und politische Leben aufzumischen, jetzt nicht mehr greifen. Die nächtlichen Marschierer wirkten eher wie eine müde Kopie der wilden Kunstaktionen und Sit-ins aus der Hausbesetzerzeit. In der Szene der Kiffer und Kraker der siebziger Jahre hätte es bei einer Generalattacke der Regierung auf die Kultur gewiss Stinkbomben-Attentate und Straßenschlachten gegeben, nun reagierten die nüchternen Nachgeborenen des Internet-Zeitalters höchst geschäftsmäßig: Gleichzeitig mit den Streichungen verkündeten die Universitäten, dass sie fortan ein Viertel der Studienplätze für bildende Künstler und Tänzer streichen und zehn Prozent weniger Musiker ausbilden werden.

          Hinweg mit den alten Webfehlern

          Die geringere Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt, die Tausende Existenzen in Kunst und Musik überflüssig macht, ist schließlich amtlich. Von den zehn Orchestern werden nur acht überleben, davon fünf nur rudimentär mit einem Drittel weniger Subventionen. Tanz-Ensembles wird es statt sieben nurmehr vier geben. Ein Theater und eine Oper bekommen gar kein Geld mehr, denn landesweit reichen nach Ansicht der Regierung acht Bühnen und zwei Opernhäuser vollständig aus. Bei den Museen müssen alle den Gürtel enger schnallen, doch nahm die Regierung in letzter Minute die Schließung der Forschungseinrichtungen im Amsterdamer Rijksmuseum zurück. Nun soll dort sogar ein internationales Zentrum für die Kunst der Alten Niederländer entstehen.

          Lächelt die Hochkultur hinweg: Premierminster Mark Rutte mit dem Sänger Waylon bei einem Festival in Wageningen
          Lächelt die Hochkultur hinweg: Premierminster Mark Rutte mit dem Sänger Waylon bei einem Festival in Wageningen : Bild: dpa

          Bemerkenswert am niederländischen Kahlschlag ist vor allem die gute Laune, mit welcher die rechtsliberale Regierung ihn exerziert. Alte Seilschaften, die früher dem mächtigen Kultursektor im Amsterdamer Grachtengürtel halfen, sind von einem Geist radikaler Marktwirtschaft abgelöst worden, vor dem in Deutschland selbst der Wirtschaftsflügel der FDP zurückschreckt. Premier Rutte verweist auf derzeit sechzig Millionen Euro neuer Schulden pro Tag und reiht die Kulturkürzungen als Fußnote in sein Reformprogramm ein. Achtzehn Milliarden Euro innerhalb von vier Jahren werden im Gesundheitswesen, in der Bildung, bei den Arbeitslosen eingespart. Es trifft alle, sagt Rutte. Und setzt noch moralisch einen drauf: „Die Niederlande werden durchs Sparen ein besseres Land“, weil alte „Webfehler“ aus der untergegangenen Epoche des Sozialstaates endlich beseitigt würden.

          Mit Kultur kann man keine Wahlen mehr gewinnen

          Trifft es wirklich alle? Der duldende Koalitionsteilhaber, Geert Wilders' „Partij voor de Vrijheid“, hat ebenso wie die Christdemokraten dafür gesorgt, dass bei Hausbesitzern, bei den Autobahnen oder im Banksektor von Sparmaßnahmen abgesehen wurde. Dennoch ist es Rutte gelungen, seine Beliebtheitswerte zu steigern, indem er gleichzeitig für Nothilfen zugunsten griechischer Staatsanleihen plädierte und bei der Kultur kühl kappte. Sechzig Prozent aller Holländer, auch noch die Hälfte des Kulturbürgertums, zeigten sich mit den Sparmaßnahmen einverstanden.

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