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Spanische Strandphänomene : Das Bikini-Universum

Spanischer Sommer: Am Strand von Malvarrosa bei Valencia Bild: dpa

Wahre Leidenschaft: Der spanische Sommer neigt sich dem Ende zu. Und auch in dieser Saison enthüllen die Klatschmagazine, wer wo und mit wem ins Wasser stieg. Von Paul Ingendaay.

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          In der Zeitung war jetzt ein tiefer Satz über die spanische Gesellschaft zu lesen: Wer auf die Titelseiten der Klatschmagazine kommen will, hieß es da, schafft es am ehesten in Handschellen oder im Bikini. Und wie man es auch dreht und wendet, es stimmt. Als neulich die bekannte spanische Sängerin Isabel Pantoja wegen des Verdachts auf Geldwäsche und Korruption dem Haftrichter vorgeführt wurde (was an ihren Handgelenken klingelte, dürften allerdings goldene Armreifen gewesen sein), machte ihre Popularität einen großen Satz, und bei ihren nächsten Konzerten (die neunzigtausend Euro Kaution waren schnell bezahlt) zeigten ihr die Fans, dass sie hinter ihr stehen, und zwar voll. Es war ergreifend.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Mit dem Bikini geht es einfacher, aber nur bei denen, die es sich leisten können, von der Physis her. Jede Reflexion über den iberischen Zweiteiler muss bei Ana Obregón beginnen, einer nicht sehr wichtigen Schauspielerin, die den Spaniern schon seit langem das zuverlässigste Startsignal für den Beginn der Badesaison gibt. Dann nämlich, wenn die Klatschmagazine ihr jährliches „Bikini-Foto“ veröffentlichen. Inzwischen ist die Frau fünfundfünfzig Jahre alt, ein Ruhmesblatt für die plastische Chirurgie und immer noch an vorderster Front zu finden. Ihr halb so alter polnischer Freund allerdings, von dem Ana Obregón neulich auf der Titelseite eines Magazins sagte: „Jetzt weiß ich erst, was wahre Leidenschaft ist“, blockiert den Fotografen neuerdings die Sicht. Er ist sehr muskulös.

          In Gruppen am Strand

          Wir waren auch am Strand, an der andalusischen Atlantikküste, wo es weder Hotelburgen noch Strandmatten oder Megadiskotheken gibt, dafür Nudisten und Hundehalter, beides bedrohte Arten. Zu den Bikinis an unserem Strand wollen wir gar nicht viel sagen, es gab sie in allen Größen und Dehnungsgraden (die andalusische Jugend nascht gern), aber eine Beobachtung zur Soziologie ist doch am Platz: Die spanische Familie pflegt in großen Gruppen an den Strand zu gehen, drei Generationen stark, was auch für die Bikinis gilt.

          Su muss es ja nicht sein: Am Strand von Lloret de Mar

          Dieser demographische Anachronismus hat den nördlichen Beobachter irgendwie hoffnungsfroh gestimmt, als wäre der Untergang der abendländischen Familie noch lange nicht in Sicht. In Wahrheit bezaubert uns wohl nur, dass sich an spanischen Stränden Reste eines Sozialverhaltens konservieren, das einmal für Paare mit neun bis zwölf Kindern typisch war. Von Privatsphäre keine Rede. Selbstverwirklichung? Null. Bei brütender Hitze knubbelt sich ein halbes Dutzend Menschen mit verblüffender Geschmeidigkeit unter einem einzigen kleinen Sonnensegel, bis es 14.30 Uhr schlägt und alle sich um die Kühlbox scharen. Essenszeit! Danach zwei Stunden lang kein Kontakt mit dem Wasser (schlecht für den Körper), dann wieder vorsichtiges Eintauchen verschiedener Zehen, doch am liebsten in der Gruppe. Und nur bei Ebbe.

          Ein unerschöpfliches Thema

          Gegessen wird naturgemäß viel. Gelesen auch, aber nichts mit hartem Deckel. Am Strand, im August, lesen die Spanier in Klatschmagazinen wie „Hola!“, wer an anderen spanischen Stränden alles am Strand liegt und ebenfalls davon liest, wer an den übrigen spanischen Stränden in der Sonne brät, bei mehreren tausend Kilometern Küstenlinie ein unerschöpfliches Thema, geographisch und überhaupt. Im August werfen selbst seriöse Tageszeitungen die gewohnte Blattaufteilung über den Haufen und liefern uns Sondersektionen, die hirnerweichende Titel wie „Ein Extra-Sommer“ oder „Vierzig Grad“ tragen, und auch dort wird darüber reflektiert, wer gerade wo am Strand liegt und mit wem.

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