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Spanische Konsumkämpfe : Schlangen

Der Winterschlussverkauf hat Spanien fest im Griff. Krise hin, Krise her: Bei der Positionierung für die Schnäppchenjagd helfen nur Verbalinjurieren und handfeste Knüffe. Bisweilen aber werden diese Zickenduelle auch von Künstlern inszeniert - wie jetzt in Madrid.

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          Eine Blonde und eine Rothaarige stehen mit anderen Kunden vor einem bekannten Madrider Warenhaus. Gleich werden die Rollläden hochgehen, und der Winterschlussverkauf beginnt. Die Nervosität steigt, die beiden Frauen tauschen erste Gemeinheiten aus. „Was du wohl getan hast, um hier am Anfang der Schlange zu stehen“, sagt die Rothaarige. „Schau mich nicht so komisch an“, zischt die Blonde. Die Umstehenden verstehen die Anspannung. Schnäppchenjagd ist ein ernstes Geschäft. Nachdem sich die Rollläden gehoben haben, kommt es zwischen den beiden Frauen noch im Eingang zum Kampf.

          Alle wissen, dass man auf den ersten Metern den entscheidenden Vorsprung herausholen muss. Jetzt setzt es Knüffe und Beschimpfungen, Haare fliegen, vier Hände zerren an einer Handtasche. Am nächsten Tag bringen Zeitungen das Foto der zankenden Frauen auf der Titelseite. „Winterschlussverkauf in Spanien mit noch aggressiveren Rabatten“, schreibt „El País“.

          Für ein Chanel-Kleid lohnt sich das Betteln

          Wenig später folgt die Enthüllung. Das Zickenduell war inszeniert. Die Madrider Performance-Künstlerin Yolanda Domínguez hat zwei Schauspielerinnen engagiert, um im bekanntesten Konsumtempel Spaniens das Klischee weiblicher Rivalität aufzuführen. Man grübelt darüber nach und fragt sich, warum einem der Faustkampf um herabgesetzte Konsumartikel nicht mehr skandalös vorkommt. Weil Kaufen unser Lebenszweck ist? Weil es alle tun? Weil wir sportlichen Wettkampf brauchen? Auf dem Blog der Künstlerin lesen wir von früheren Inszenierungen. Einmal hat sie sich fein angezogen in der teuersten Einkaufsstraße auf den Gehsteig gekniet und den Passanten ein Pappschild hingehalten: „Ich bettele für ein Chanel-Kleid.“

          Ein anderes Mal ließ sie auf der Straße Zettel verteilen, auf denen eine Sexualtherapeutin um Kund(inn)en warb: „Wie lerne ich, einen Orgasmus vorzutäuschen?“ Jetzt, mitten in der spanischen Krise, müssen wir an eine unschuldigere Epoche denken. Vor zehn Jahren bemerkte eine Zeitung beim Auswerten des Zielfotos, dass beim Winterschlussverkaufsrennen in drei aufeinanderfolgenden Jahren immer dieselben beiden Frauen die Nase vorn hatten. Derselbe Tag, dasselbe Geschäft. Es stellte sich heraus, dass die beiden Frauen Schwestern waren. Einmal im Jahr traten sie zum fairen Wettkampf gegeneinander an. Immer gewann die Jüngere.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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