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Spanien unter dem Rettungsschirm : Der Stolz der Demütigen

Solidarität statt Selbstzweifel: Die meisten Spanier zeigen in Zeiten der Krise eine Größe, die man sich andernorts wünschte Bild: dpa

Spanien hat jahrelang über seine Verhältnisse gelebt. Jetzt geht es dem Land miserabel. Doch die Menschen bewahren Haltung und schützen sich mit Würde und Bescheidenheit vor Verbitterung.

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          Ein Mann fällt in den Sumpf, aus dem er sich mit großer Mühe retten kann, nur seine Hose bleibt darin zurück. Wenn es ein Mann mit Stolz ist, wird er sich die Haare glattstreichen und die Brille putzen, damit man die Schlammspritzer nicht sehe. Er könnte auch anführen, ihm sei doch nichts passiert, er sei gerettet. Und sein Hemd: kaum befleckt! Dennoch mag es den einen oder anderen geben, der auf die unbedeckte Zone untenherum deutet und fragt: Wo ist denn deine Hose? In dieser Situation darf man die Frage stellen, welchen Sinn es für den Mann hätte, auf seine nackten Beine zu starren. Würde er sich wohler fühlen? Könnte er besser laufen? Wahrscheinlich nicht.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Wir sind es gewohnt, dergleichen mit dem Begriff „Wirklichkeitsverleugnung“ zu brandmarken. In Deutschland pflegen wir das Ideal der unbeschönigten Wahrheit, zu deren öffentlicher Erforschung wir jeden Werktag einem halben Dutzend Talkshow-Gäste beim Sprechen und Wassertrinken zusehen, und dahinter steht die Vorstellung, die Wirklichkeit einerseits und unser Reden über sie andererseits ließen sich zur Deckung bringen. Eine ehrwürdige, hochherzige Idee.

          Eine reale gesellschaftliche Kraft

          So ist es aber in Spanien nicht. Oder nicht ganz. Und am wenigsten in der öffentlichen Arena. Die „nackte Wahrheit“ wird nämlich nicht gern gesehen, eben weil sie nackt ist. Dass Ministerpräsident Mariano Rajoy lange Zeit die Evidenz geleugnet und standhaft behauptet hat, Spanien könne die Immobilien- und Schuldenkrise ohne europäische Hilfe bewältigen, stößt deshalb im Land selbst nicht nur auf Kritik. Im Gegenteil. Man könnte auch sagen, der Regierungschef habe die Burg so lange verteidigt, wie es eben ging. Er liefert sie nicht schon aus, wenn ein Stück Seife fehlt, sondern erst dann, wenn die Belagerten anfangen, Katzen und Esel zu verspeisen.

          Auch Wirtschaftsminister Luis de Guindos, in den vergangenen Tagen die fast schon comichafte Verkörperung spanischen Widerstandswillens, leugnete noch vor zehn Tagen, dass es in Spanien zu einer gigantischen Kapitalflucht gekommen sei, obwohl die verheerenden Quartalszahlen - etwa hundert Milliarden Euro sind zwischen Januar und März aus dem Land gebracht worden - gut sichtbar auf dem Tisch lagen. So ist das nun mal in diesem Land. Man hält durch, beißt die Zähne zusammen. Man „bleibt ganz“, statt in Stücke zu zerfallen, und für diese spanische Tugend gibt es das Wort „entereza“, was wörtlich „Vollständigkeit“ heißt und im übertragenen Sinn so viel wie Mut und Tapferkeit. Man braucht nur die Spanienbücher von George Orwell, Ernest Hemingway oder Martin Andersen Nexö zu lesen. Selbst wenn man deren Befunde aller Spanienromantik entkleidet, bleibt die Einsicht übrig: Der spanische „Stolz“, der in Deutschland so gern belächelt und mit Stierkampf- oder Flamenco-Bildern illustriert wird, ist eine reale gesellschaftliche Kraft.

          Regierungsnahe Blätter stellten Rajoys diskretem, aber hartnäckigem Krisenmanagement daher gute Noten aus und titelten am Sonntag: „Rettung ohne Demütigung“. Die gesichtswahrende Lösung ist den Menschen psychologisch wichtiger als ein paar Milliarden mehr oder weniger. Es gehe um Finanzhilfen für die spanischen Banken, nicht für den spanischen Staat, hieß es in den optimistischeren Zeitungen, und diese frischen Kredite in Höhe von bis zu hundert Milliarden Euro seien nicht an Bedingungen gebunden.

          Die Blindheit der Eliten hat etwas Surreales

          Natürlich stimmt das nicht. Bedingungen gibt es zuhauf. Man braucht nur das Kleingedruckte zu lesen. Der Druck auf Spanien wächst, und die Verschuldung steigt abermals. Aber es geht gerade nicht um objektive Daten, sondern um ihre kollektive Wahrnehmung. Und hier ist festzuhalten, dass Spanien außerordentlich vernünftig reagiert, nämlich sowohl mit Ruhe als auch mit politischer Debatte. Die Bewegung der „Empörten“ des 15. Mai zum Beispiel wird den ehemaligen Wirtschaftsminister und Ex-Bankia-Chef Rodrigo Rato verklagen. Die Opposition zaust derweil Mariano Rajoy dafür, dass er sich in dieser schwierigen Zeit nicht zeigt und statt dessen zum Fußballspiel der spanischen Auswahl gegen Italien fährt. „Rajoy leugnet die Rettung“, überschreibt „El País“ seinen Leitartikel nach einem traumatischen Wochenende, das zurzeit in allen Medien erklärt, geradegerückt, hochgehängt oder tiefergelegt wird. Gemeint ist: Rajoy leugne, dass es sich um eine Rettung handelt. Welche es aber eindeutig sei: nicht Hilfe, sondern Rettung von außen.

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