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Spanien streitet über das Rauchverbot : Böser Staat, guter Bürger

Der gängelnde Staat: In Spanien herrscht seit Jahresbeginn ein strenges Rauchverbot Bild: dpa

In Spanien hat das harsche Anti-Raucher-Gesetz der Regierung Zapatero nicht nur zu einigen Protesten, sondern auch zu tiefschürfenden Betrachtungen über den Menschen an sich geführt - vor allem über dessen Gängelung durch den Staat.

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          Spanien war einmal ein gefährliches Land. „Die Kaffeehäuser, in welchen in später Nachtstunde sogenannte Flamenco-Gesänge vorgetragen oder Flamenco-Tänze aufgeführt werden, sind von Damen durchaus zu meiden“, schreibt Karl Baedeker 1899, „von Herren höchstens in Begleitung Einheimischer zu besuchen.“ Auch die Badehäuser können nicht empfohlen werden, das Volk ist laut, aufsässig und stolz. Der sture Individualismus scheint den Spanier so fest im Griff zu haben, dass er sich von Obrigkeiten ungern etwas sagen lässt und nach eigenen Regeln lebt.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Ein Jahrhundert später sehen sich spanischer Eigensinn, Traditionalismus und Widerstandswille so scharf provoziert wie noch nie. Seit Beginn des Jahres gibt es gewaltige Veränderungen. In Bars, Gaststätten, in öffentlichen Gebäuden und in ihren Eingängen sowie auf Kinderspielplätzen darf nicht mehr geraucht werden. In Spanien hat das neue Gesetz der Zapatero-Regierung nicht nur zu ausufernden soziologischen Analysen und den allfälligen Raucherreportagen geführt, sondern zu tiefschürfenden Betrachtungen über den Menschen an sich.

          Fast auf einer ganzen Zeitungsseite räsoniert Fernando Rodríguez Lafuente, der ehemalige Leiter des Cervantes-Instituts, über den Raucher als Ausgetoßenen, Pestkranken und modernes Opfertier. Auch ein ausgewiesener Freund des Tabaks wie der Javier Marías beklagt in seinen Kolumnen das Erstarken des Aufpasser- und Gängelstaates. Vor Jahren schrieb der Schriftsteller einmal, Hitler wäre in seiner Heimat nicht möglich gewesen, weil die Spanier sich das Reden und Plaudern nicht verbieten ließen; totalitäre Kontrolle sei über sie einfach nicht zu gewinnen.

          Eine linke Regierung beschneidet die Freiheit

          Das Inkrafttreten des neuen Gesetzes wurde zunächst allerdings mit verblüffender Demut hingenommen. Doch nachdem die erste Lähmung abgeklungen ist, regt sich hier und da Widerspruch, und manche markige Geste schafft es sogar bis in die Nachrichten, etwa die Aktion eines trotzigen Gastronomen in Marbella, der sein Restaurant als „Privatgeschäft“ bezeichnete, zwei Schilder an die Tür hängte – hier werde das neue Gesetz nicht beachtet – und dem Staat zu trotzen gedenkt. Es sei unglaublich, dass eine linke Regierung derart die Freiheit beschneide, pflichtet dem Gastwirt ein Polizist bei, der Nichtraucher ist.

          Hinter den Protesten steckt mehr als die Klage von Nikotinsüchtigen, die von ihrem Laster nicht loskommen. Der Staat als reglementierende, tief in das Privatleben der Menschen eingreifende Macht war den Spaniern schon immer suspekt, allein deswegen, weil der Staat in der spanischen Geschichte selten achtenswert oder vertrauenswürdig war.

          Es mag verführerisch sein, die Bürger aufzufordern, Verstöße gegen die neue Rauchergesetzgebung anzuzeigen, in der Praxis aber widerstrebt es den Spaniern, bei ihren Nebenleuten über die Erfüllung staatlicher Normen zu wachen. Dem berüchtigten spanischen Individualismus, den man gelegentlich als Mangel an Gemeinschaftswerten empfinden mag, liegen auch Lebensfreude, Toleranz und die Abneigung gegen Krittelei zugrunde.

          Als könnte nicht gut sein, was so viele Menschen zugleich zum Ändern ihrer Lebensgewohnheiten zwingt, hat sich bald nach Inkrafttreten des Gesetzes die Ombudsfrau des spanischen Parlaments zu Wort gemeldet. Notwendig sei ein Gesetz, das „Interessen vereinbare“ und „niemandem Nachteile bringe“, sagt María Luisa Cava de Llano, deren Amt in Spanien als „Verteidigerin des Volkes“ bezeichnet wird. „Die Leute sind die Verbote leid, sie brauchen Bewegungsfreiheit, um unterscheiden zu können, was andere belästigt und was nicht.“

          Hier gängeln, dort ausnehmen

          Allen wird man es allerdings nicht rechtmachen können. Manche finden, die Raucher müssten als Objekt des behördlichen pädagogischen Eifers nur deshalb herhalten, weil sie leicht zu kontrollieren seien. Gemolken werden sie ohnehin. Der Staat als Tabakmonopolist hat soeben die Erhöhung der Tabaksteuer angekündigt. Hier gängeln, dort ausnehmen, darin dürfte in näherer Zukunft die doppelte Strategie liegen.

          In denselben Tagen, da die Ausgestoßenen des rauchfreien Spanien vor der Kneipe im Nieselregen stehen, wurde übrigens der Entwurf eines verschärften Gleichstellungsgesetzes präsentiert. Niemand, so Gesundheitsministerin Leire Pajín, dürfe wegen seiner Hautfarbe, seines Geschlechts, seiner Rasse, Religion oder seines Äußeren wegen gedemütigt werden. Man wolle eine Gesellschaft errichten, in der sich jeder „sicher und im Schutz des Gesetzes“ fühle. Und es wird dazu animiert, Verstöße anzuzeigen.

          Es soll sogar im Gespräch gewesen sein, die Beweislast umzukehren und gleich von der Schuld des Angezeigten auszugehen, eine Idee, die glücklicherweise wieder fallengelassen wurde. Vielleicht überfordert es manche Spanier, sich eine gesunde und gerechte Gesellschaft zugleich vorzustellen. Wann hätte es so etwas hier jemals gegeben?

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