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Spanien : Benidorm & Bikini

Wie Bürgermeister eines idyllischen Fischerdörfchens namens Benidorm zum Vater des modernen spanischen Tourismus wurde: Zum Tode des Visionärs Pedro Zaragoza Orts.

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          Pedro Zaragoza Orts war ein Visionär. Der Bürgermeister eines idyllischen Fischerdörfchens namens Benidorm in der Provinz Alicante sah in den fünfziger Jahren voraus, dass für eine Gegend mit schönen Stränden und 3400 Sonnenstunden im Jahr das Heil im geordneten Tourismus liegt. Also beschloss er, ihn zu ordnen. Der Staat, in dem er das tat, war Francos Spanien, und dessen Kräfte hatten zwar viel für Ordnung, aber weniger für Spaß und Freizeit übrig.

          Die erste Leistung bestand darin, sich nicht für die Weite, sondern für die Höhe zu entscheiden. 1956 wurde ein Bebauungsplan beschlossen, 1963 hob Benidorm die Höhenbeschränkung bei Neubauten auf, und im Spät-Franquismus, zwischen 1965 und 1975, baute der Ort fast die Hälfte der heute existierenden Hoteltürme. Da hatte der 1922 geborene Zaragoza, der von 1950 bis 1967 die Geschicke des Ortes leitete, sein Amt schon wieder abgegeben, doch das Erbe wirkte fort. Heute werden in gut dreihundert Wolkenkratzern jährlich mehr als fünf Millionen Touristen abgefertigt, und die Einwohnerzahl Benidorms erreicht im Hochsommer mehr als vierhunderttausend Menschen.

          Ökologische Vernunft

          Das sieht nicht sehr schön aus; doch was manche als Inferno für britische Proleten schmähen, würdigen Urbanisten und Architekten neuerdings als ökologische Vernunft, denn nirgendwo sonst wird so penibel Wasser recycelt. Benidorm kann von sich behaupten, seine natürlichen Ressourcen für die größtmögliche Zahl von Menschen zu nutzen. Mit mächtigen Gegnern, den Ideologen des Regimes und den Moralhütern der katholischen Kirche, nahm Zaragoza es auf, als er für die Strände seines Städtchens den zweiteiligen Badeanzug zuließ. Darauf drohte ihm die Exkommunizierung. Der Bürgermeister, so die gernerzählte Geschichte, schwang sich auf seine Vespa, fuhr die 450 holperigen Kilometer nach Madrid und erbat ein Gespräch mit Francisco Franco, um ihm seine Pläne für die touristische Erschließung Benidorms zu erläutern.

          Und er hatte Erfolg. „Im Interesse des Tourismus“, hieß es, solle der Bikini zugelassen werden. Das war 1959. Pedro Zaragoza krönte seine kulturhistorische Leistung mit einer Verordnung, welche die öffentliche Beleidigung von Bikiniträgerinnen unter Strafe stellte. Jetzt ist der Vater des modernen spanischen Tourismus im Alter von fünfundachtzig Jahren in Benidorm gestorben.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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