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Späte Einsicht : Mister Smith

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Greg Smith kündigte bei Goldmann Sachs. Viele Jahre war er ein erfolgreicher Geldhändler. Der Grund: es gehe dort tatsächlich nur um das Anhäufen von Geld.

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          Zwölf lange Jahre war Greg Smith ein erfolgreicher Geldhändler bei Goldman Sachs, doch gestern hat Herr Smith gekündigt. Sein Kündigungsschreiben wurde in der „New York Times“ veröffentlicht, darin beschreibt er, wie es in dem mächtigsten Haus der Wall Street so zugeht: Da spricht man nicht mehr von Kunden, sondern von „Muppets“, nach den knuffeligen Handpuppen von Jim Henson - kauzig, weich, manipulierbar.

          Vier Jahre nach dem Crash und all den Sonntagsreden von neuen Spielregeln für die Finanzbranche ist der Ton bei Goldman offener denn je. Hier wird völlig unverkrampft gerühmt, wer schlichten Gemütern komplexe Produkte mit unermesslichen Risiken aufschwatzt, wer den Kollegen an Ruchlosigkeit übertrifft und möglichst schnell Kasse macht. Marxisten werden bei der Lektüre der Smithschen Enthüllung lachen: Im größten Geldhandelshaus der Welt soll es tatsächlich um das Anhäufen von Geldbergen gehen?

          Eine nie gekannte Bereitschaft zur Abzocke

          Das erinnert an das Enthüllungsbuch von Mia Farrow, in welchem sie nach ihrer Ehe mit Woody Allen einer dann auch nur mäßig erstaunten Öffentlichkeit erklärte, der sei ein sexbesessener Neurotiker, der alles mit seinem Psychoanalytiker bespreche und nicht gern auf dem Land, dafür umso lieber in Manhattan wohne. Trotzdem ist Greg Smiths Artikel wichtig. Er beschreibt eine Firma, in der statt einer Kultur der Verantwortung nur noch kriminelle Energie honoriert wird. Sicher, wer aufmerksam Zeitung liest, wusste schon, dass die Firma schon mal gegen Produkte wettet, die sie ihren Kunden empfiehlt, und so doppelt Kasse macht; dass sie aus jeder Krise noch reicher hervorgeht und auch die Staatsschuldenkrise zu nutzen versteht.

          Und doch traut man dem eigenen Urteil nie vollständig, weil man kein Verschwörungstheoretiker werden möchte und sich damit tröstet, es werde schon nicht so schlimm sein in Wahrheit. Doch jetzt kennen wir die Wahrheit: Während sich Staaten in nie gekanntem Ausmaß verschulden, um die Finanzbranche zu stützen, herrscht dort eine nie gekannte Bereitschaft zur Abzocke. Es ist viel schlimmer als befürchtet, und es muss sich etwas daran ändern.

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