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Zum Tod von Bruno Latour : „Modern“ – was ist das?

Bruno Latour, Anfang Mai 2018 in Berlin Bild: Andreas Pein

Gesellschaft und Natur sind untrennbar: Der französische Soziologe Bruno Latour, der sich auch über das Klima triftige Gedanken gemacht hat, ist gestorben.

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          Bruno Latour begann als Wissenschaftssoziologe. Mit Ende zwanzig hatte er, nach seiner Promotion an der Universität Tours, in Kalifornien als eine Art Ethnologe endokrinologische Forschungen im Labor des späteren Nobelpreisträgers Roger Guillemin beobachtet und kam zu dem Schluss, dass die Wahrheit und die Tatsachen nicht entdeckt, sondern fabriziert werden. Das Labor erschien als ein Ort, an dem unter Einsatz von Reputation, Bürokratie, Zitaten, Maschinen, Drittmitteln, Argumenten und Konflikten sich Fakten herausbilden. Die wissenschaftliche Publikation mache die Geschichte der Faktenfindung unsichtbar, hier sind Tatsachen stets das Ergebnis „logischer“ Untersuchungsschritte.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Wie stark hingegen soziale Faktoren die Forschung bestimmen, machten Latour und sein Kollege Stephen Woolgar in „Laboratory Life“ 1979 an der Entdeckung einer Substanz deutlich, die die Produktion des Hormons Thyreotropin auslöst. Minutiös rekonstruierten sie, welche Entscheidungen in die Suche nach dieser Substanz eingingen, welche Pfade beschritten und welche nicht beschritten wurden. Auch im Labor werde unter Einsatz von Rhetorik ständig verhandelt und sei es nicht festgelegt, worin ein Beweis besteht, was ein guter Test ist, worauf man hinauswill. Daraus wurde vielfach der Schluss gezogen, in der Wissenschaft gehe es auch nicht anders zu als auf dem Basar, im Parlament oder vor Gericht. Dass die Behauptung „alles Konstruktion“ ihrerseits ernst genommen werden will und die soziologische Forschung ihrerseits beansprucht, etwas Wahres zu sagen, blieb oft unbeachtet. Latour, der 1982 eine Professur an der renommierten Technischen Hochschule „Ècole Nationale Supérieure des Mines“ erhielt, setzte seine Arbeit mit einem Buch über die Wirkung von Louis Pasteur in Frankreich fort und 1993 mit einer hinreißenden Studie über den „Berliner Schlüssel“, jener Erfindung eines doppelbärtigen Objekts, durch das die Haustüren nachts stets geschlossen und tagsüber stets offen sind. Zwischen Subjekt und Objekt regiert hier die Technik, die auf keine der beiden Seiten verortet werden könne.

          Es folgten immer stärkere Ausgriffe Latours in eine Sozialphilosophie, in der auch Dingen die Qualität von Akteuren zugeschrieben wurde. Gesellschaft und Natur, verkündete er 1995 in „Wir sind nie modern gewesen“, ließen sich nicht trennen, Vormoderne und Moderne deshalb auch nicht. 1998 rief er unter ökologischen Vorzeichen zu einem „Parlament der Dinge“ auf, ohne aber erklären zu können, wer darin für die Alpen, die Küsten und die Bienen zu sprechen vermag als menschliche Personen mit ihren eigenen Interessen. In der Umweltschutzbewegung fanden seine Thesen dennoch ein Echo, und er selbst publizierte viel zur Klimapolitik und zuletzt sogar ein „terrestrisches Manifest“. Er schloss es mit der Erinnerung an seine Herkunft als Kind einer Familie von Winzern im burgundischen Beaune und daran, dass Europa im weltgeschichtlichen Maßstab eine Provinz ist – was das Beste an diesem Kontinent sei. Es mit der Modernität nicht übertreiben, war Latours Devise. Jetzt ist er im Alter von 75 Jahren in Paris gestorben.

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