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Soziales Leben : Durch lauter Netzwerke müssen sie krabbeln

Auftritt für den Superorganismus: Am vorläufigen Endpunkt ihrer langen Faszinationsgeschichte führen uns die sozialen Insekten ein neues Bild vom Wirken der Evolution vor Augen.

          5 Min.

          Beginnen wir mit einer einfachen Feststellung: Ameisen twittern nicht. Sie haben das auch gar nicht nötig, denn soziale Netzwerke werden bei ihnen seit ungefähr hundert Millionen Jahren verwendet und fortentwickelt. Keine der bekannten Ameisenarten lebt solitär, alle haben sie erstaunliche Formen der Sozialität ausgebildet, zu denen effiziente Kommunikationssysteme innerhalb der Kolonien gehören. Von Eusozialität sprechen die Biologen, und deren fortgeschrittene Form bedeutet, dass sich die Koloniemitglieder in fortpflanzungsfähige und weitgehend nicht reproduktive Kasten differenzieren. Wobei diese von der Fortpflanzung ausgeschlossenen Arbeiterkasten, denen nicht zuletzt die Pflege des Nachwuchses obliegt, sich wiederum in unterschiedliche Formen aufspalten können, um verschiedene Aufgaben in der Kolonie optimal zu erfüllen.

          Helmut Mayer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Welche Grade von Selbstorganisation der Kolonie mit solcher Arbeitsteilung möglich werden, hat immer schon staunen lassen. Und je genauer man hinzusehen lernte, nur umso mehr. Eine Kostprobe davon gab unlängst einer der renommiertesten Ameisenforscher, Bert Hölldobler, am Wissenschaftskolleg in Berlin. Er führte vor Augen, was Kolonien von Blattschneiderameisen der Neotropen so alles im Repertoire haben.

          Ein Gipfel der Raffinesse

          Agrikultur gehört dazu, auf die einige Ameisenarten vor fünfzig Millionen Jahren kamen – andere entwickelten Formen der „Milchviehhaltung“ – und die in den Pilzgärten der Blattschneider in ihrer höchstentwickelten Form zu bewundern ist, einschließlich der Produktion von Antiobiotika und der Kultivierung von Bakterien zur Bekämpfung von Parasiten. Sodann riesige Bauten für Millionen von Nestbewohnern mit einem überaus raffinierten Belüftungssystem samt Abfallmanagement, weit ausgreifende Straßennetze, akkurat sauber gehalten, zum Einbringen der Blätter, aus denen der Humus für die Hyphen des symbiontischen Pilzes hergestellt wird, dessen Ernte die Nahrung liefert. Das alles flexibel arbeitsteilig organisiert und in Gang gehalten mit Hilfe von raffinierten Kommunikationstechniken, in denen sich taktil-mechanische Elemente mit einem ausdifferenzierten Arsenal chemischer Signalstoffe verknüpfen.

          Die Blattschneiderameisen sind für Bert Hölldobler und seinen nicht minder berühmten Kollegen Edmund O. Wilson kein beliebiges Beispiel. Ihre Kolonien sind vielmehr der Gipfel an Raffinesse, den die Evolution bei den sozialen Insekten – neben den Ameisen zählen dazu noch Bienen, Termiten und Wespen – erreicht hat: Sie sind die am höchsten entwickelten „Superorganismen“ der Biosphäre. Und weil das gerade auf Deutsch erschienene neue Buch von Hölldobler und Wilson über den Erfolg sozialer Insekten genau diesen Titel trägt, „Der Superorganismus“, werden sie dort auch im letzten Kapitel ausführlich dargestellt.

          Soziobiologie ohne Spekulationen

          Hölldobler und Wilson sind ein eingespieltes Autorenpaar. Ihr Überblickswerk „The Ants“ erschien Anfang der neunziger Jahre und brachte nicht nur die Forschung über soziale Insekten auf Trab, sondern den Autoren auch den Pulitzerpreis ein. Wilson hatte zuvor mit seinem Programm der „Soziobiologie“, das biologische Fundamente allen, auch des menschlichen Sozialverhaltens glaubte umreißen zu können, für heftige und lang andauernde Auseinandersetzungen gesorgt.

          „Der Superorganismus“ hat mit diesen spekulativen Ausritten aber nichts zu tun. Das Buch zeigt, was in den vergangenen zwanzig Jahren an Wissen über die sozialen Insekten hinzugekommen ist: Wie viel genauer sich Leistungen und Regelungsmechanismen innerhalb der Kolonie mittlerweile untersuchen lassen, welche Einblicke die Entschlüsselung der molekularen Maschinerien zur Steuerung von Verhaltens- und Entwicklungsprozessen ermöglichen, wie die evolutionäre Genese von immer reibungsloser, also tendenziell konfliktfrei funktionierenden Kolonieformen sich verstehen lässt – und es greift dafür auf das von William Morton Wheeler Ende der zwanziger Jahre aufgebrachte Konzept der Kolonie als Superorganismus zurück. Ein Begriff, der seinerseits eine Vorgeschichte bei Autoren wie Ernst Haeckel, Herbert Spencer oder Gustav Theodor Fechner hatte, die von einer hierarchisierten Schöpfungsordnung handelten, in der auf jeder Organisationsebene neue Phänomene zutage treten.

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