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Soziale Netzwerke : Geteiltes Leid?

  • -Aktualisiert am

Geteiltes Babyglück in sozialen Netzwerken. Geteiltes Leid für verwaiste Eltern? Bild: dapd

Eine amerikanische Fotografin hat das Foto eines toten Neugeborenen auf Facebook gepostet. Kann eine solche Aktion den Schmerz betroffener Eltern lindern?

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          Was auf Facebook neben Katzen und Geburtstagsgrüßen besonders gut funktioniert, sind Kinderfüße. Man stolpert gelangweilt über sie, ist einen kurzen Augenblick leicht berührt und klickt dann doch weiter. Für die Fotoagenturen sind diese Glücksmomente ein lukratives Geschäft, weshalb sie auf den Geburtsstationen schon auf der Lauer liegen. Wer will, abonniert sie sich bei Facebook – jeden Tag ein Kinderglück.

          Die kalifornische Fotografin Lindsey Natzic-Villatoro hat eines ihrer jüngsten Facebook-Fotoalben nun vorsorglich mit einem ungewöhnlichen Warnhinweis vor „extrem emotionalem“ Inhalt online gestellt und zusätzlich einen sehr langen Text dazu geschrieben. In ihm versucht sie zu erklären, weshalb es eine gute Idee sei, auch ein totes Neugeborenes zu präsentieren, es für die Fotos aufwendig in Fell und Spitze zu hüllen, es mit Haarreifen zu schmücken, unter Tränen zu küssen, mit den Eltern gemeinsam zu weinen und das tote Kind als „den Inbegriff von Perfektion“ zu beschreiben. Verständlich wäre, wenn sie als Fotografin damit einfach einer Bitte entsprochen hätte.

          Achtzigtausend Kommentare

          Die Frage, warum sie die mit ihrem Firmenlogo versehenen Bilder eifrig und eilig auf Facebook zeigte und ihr jeder rührselige Medienbericht eigens eine Erwähnung wert ist, beantwortet sie nicht. Diese Fragen werden ihr auch nicht gestellt. Es geht schließlich um ein totes Kind – negative Kommentare verbittet sie sich bereits im zweiten Satz ihres Facebook-Postings. Ihr Publikum hat sie zum Mitgefühl verurteilt. Aber ist geteiltes Leid wirklich halbes Leid?

          Mehr als hunderttausend Mal wurden die Bilder geteilt. Millionen von Menschen haben sie gesehen, rund achtzigtausend haben sie kommentiert, sehr häufig mit eigenen Bildern toter Neugeborener. Kann sein, dass dadurch eine Schicksalsgemeinschaft entstand, in der sich die Familien weniger allein fühlen. Aber Facebook wird sein Versprechen nicht halten. Die jungen Eltern haben ihr Kind einer Welt gezeigt, in der es ihnen trotzdem fehlen wird.

          Sie müssen nun nicht nur den Tod verarbeiten, sondern auch eine schlimme Situation, die sie ins Unwirkliche überdreht haben. Es bleibt nur ein Versuch, der Tragik noch etwas emotional Positives abzugewinnen. Nur lässt sich das Schicksal einer Totgeburt nicht umdefinieren, nur weil man es nicht akzeptiert. Die Angebote der Fotografin und des Internets waren Lügen. Dem Medienrummel wird nichts Hilfreiches folgen.

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