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Julia Encke, Redakteurin im Feuilleton der F.A.S.

Zum 100. Geburtstag : Warum Sophie Scholl keinen Mythos braucht

  • -Aktualisiert am

Sophie Scholl Bild: Picture-Alliance

Sophie Scholl hat in der kollektiven Erinnerungskonstruktion als Jüngste und als einzige Frau immer eine besondere Rolle gespielt. Um sie als Vorbild zu sehen, ist kein Verweis auf Überirdisches nötig.

          2 Min.

          Wenn man in dieser Woche den Instagram-Kanal „@ichbinsophiescholl“ verfolgte, konnte man dabei zusehen, wie zu ihrem 100. Geburtstag die Widerstandskämpferin Sophie Scholl von BR und SWR neu fiktionalisiert wurde: Hier präsentiert sich die Studentin Sophie – Selbstbeschreibung im Instagram-Profil: „Blogger/in, Harter Geist, weiches Herz“ –, ge­spielt von Luna Wedler (eben noch als Studentin in der Serie „Biohackers“ zu sehen), mit täglichen Posts, mit Videos, Selfies und Archivmaterial. Vor allem aber mit der Idee, dass sie unsere Freundin im Jetzt sein könnte, die auf unsere Kommentare zu ihren Posts antwortet.

          Die neue Biographie von Robert M. Zoske geht den genau umgekehrten Weg: Sie rekonstruiert die Geschichte Sophie Scholls auch als Geschichte von Mythenbildungen, an der nicht nur die berühmten Filme von Michael Verhoeven und Marc Rothemund und die Darstellungen durch Lena Stolze und Julia Jentsch ihren Anteil haben, sondern – viel früher – Sophie und Hans Scholls älteste Schwester Inge. Diese hatte schon kurz nach dem Krieg den Kampf um die Deutungshoheit über die „Weiße Rose“ aufgenommen. Zeitlebens sei sie davon überzeugt gewesen, allein zu wissen, wie die Dinge „wirklich“ waren. Ihre 1947 verfassten „Biographischen Notizen“, Grundlage des fünf Jahre später erschienenen Buchs „Die Weiße Rose“, sind die Geburtsstunde der Ikone Sophie Scholl.

          Bereits als Kind habe man das Besondere an Sophie bemerken können, so die Schwester: Sie habe „eine feine Eigenwilligkeit, (…) gepaart mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl“ gehabt. Beide Charaktereigenschaften beherrschten ganz still ihr Wesen, „als lebten sie wie ein kleiner Kern in ihr, der wächst“. Alles wird zur Vorbereitung auf den großen Tag der Tat im Februar 1943: „All dieses Suchen im Geistigen, dieser Gang durch den Garten der Kultur, ist wie ein allmähliches Vorbereiten (…) auf eine Entwicklung, die mit dem Beginn des Krieges sich anbahnte.“

          Zoske breitet das historische Material aus und zeigt, dass es anders war: Sophie Scholl war viele Jahre überzeugtes Mitglied des „Bundes Deutscher Mädel“. Dass ihre hohen ethischen Ideale nicht zum Nationalsozialismus passten und es sich um ein verbrecherisches System handelte, hatte sie noch 1941 nicht vollständig erkannt. Erst im Lauf des Jahres 1942 wandelte sich „das Hitlermädel Sophie Scholl zur antitotalitaristischen Freiheitskämpferin“. Auch ihr Bruder war bis Herbst 1937 noch unentschieden, ob er eine nationalsozialistische Karriere machen oder sich gegen den Nationalsozialismus stellen würde. Im Dezember 1937 wurde er von der Gestapo wegen des Verstoßes gegen Paragraph 175 verhört und gab homosexuelle Handlungen zu. Die Strafverfolgung durch die NS-Behörden und die Demütigung verschoben die Gewichte.

          Die Widerständler, das macht der Biograph klar, waren keine liberalen Demokraten, sie dachten christlich-elitär und nationalkonservativ. Sie waren zugleich durchdrungen von einer hohen sittlichen Geisteshaltung, Verantwortungsbewusstsein und Freiheitsleidenschaft – etwas, was gegenwärtig und zukünftig gebraucht wird. Gerade deshalb sei das Bild des Münchner Widerstands anfällig für Überhöhung und Anpassung an zeitgenössische Problemlagen. Mal steht die Gruppe beispielhaft für sozialistischen Antifaschismus oder die westliche Demokratie, für die offene Gesellschaft oder für Klimaschutz. „Die ,Weiße Rose‘“, so Zoske, „wird so zur retrospektiven Projektion, einem beliebig füllbaren Hohlraum, zu einer Rose ohne Dornen.“

          Sophie Scholl hat in der kollektiven Erinnerungskonstruktion als Jüngste und als einzige Frau immer eine besondere Rolle gespielt. Um sie als Vorbild anzuerkennen, das zeigt die Biographie, braucht es keinen Verweis auf Überirdisches: „Ihre Stärke liegt gerade darin, als widersprüchlicher, fragender, zögernder Mensch hineingewachsen zu sein in die Klarheit: Ich schweige nicht.“

          Julia Encke
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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