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Sophia Loren zum Achtzigsten : Entstiegen den Wellen der Erotik

  • -Aktualisiert am

Sophia Loren Anfang der sechziger Jahre in einer Drehpause Bild: Picture-Alliance

Göttin der Leinwand: Obwohl sie kaum noch in Filmen auftritt, hat die Schauspielerin Sophia Loren nichts an Aura eingebüßt. Erotik und Humor sind die Eckpfeiler ihrer einzigartigen Karriere, die auch vor dem Oscar nicht Halt machte.

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          So muss es im antiken Neapolis und Puteoli gewesen sein, wenn während der Isis- und Venus-Prozessionen Tausende die Statuen ihrer Göttinnen zu berühren suchten: Wenn Sophia Loren, geboren in Pozzuoli als Sofia Scicolone, auf illustren Filmfestivals erscheint, drängt die Masse, will sie berühren, lächeln sehen oder wenigstens einen Blick einfangen. Sie ist die letzte Leinwandgöttin. Dabei hat Sophia Loren zuletzt kaum gedreht. Trotzdem ist sie bei Preisverleihungen oder Modenschauen ein Topereignis.

          Ereignis? Eine Zeremonie! Von unbeschreiblicher Grandezza, hochgewachsen, tiefstens dekolletiert, drapiert in – die Diva ist Moden enthoben – Chiffon- oder Samtmassen, das Leopardengesicht unter den rot-gold-braunen Lockenkaskaden gemeißelt, mit riesigen honigfarbenen Augen, üppigem, scharf konturiertem Mund und himmelhohen, wie in Kupfer gestochenen Augenbrauenbögen.

          Frappanter Sexappeal und das berühmte Lachen

          Vor fünfzig Jahren wurde das endgültig kreiert. Da hatte sie schon fünfzehn Jahre harter Arbeit hinter sich: Unehelich in einem Armenviertel aufgewachsen, mit Mutter und Schwester den Kriegswirren ausgesetzt, verspottet als „Bohnenstange“, nutzte sie ihre ersten Rundungen, um in den „Fotoromanen“ der späten vierziger Jahre zu posieren, hetzte durch Schönheitswettbewerbe, wurde Komparsin in Cinecittá, fiel 1951 in „Quo vadis?“ auf, gefiel, gefördert vom Filmproduzenten Carlo Ponti, ihrem späteren Mann, 1954 als gefühlsbrodelnde Piazzabäckerin in Vittorio De Sicas „Das Gold von Neapel“, eroberte im selben Jahr mit „Schade, dass du eine Kanaille bist“ an der Seite von De Sica und Marcello Mastroianni die italienische Nation. Mastroianni, De Sica, Ponti: Das Triumvirat, das sie zum Weltstar machen sollte, war formiert.

          Die traumwandlerische Balance zwischen Erotik und Komik machte Hollywood aufmerksam. Zum Einstieg wurde „Der Knabe auf dem Delphin“, lau, doch Kassenfüller, weil jeder die Loren als Taucherin mit nassem Badeanzug aus den Wellen steigen sehen wollte. Mit Cary Grant als Partner stieg sie als Kindermädchen wider Willen in „Hausboot“ zum Weltstar auf; ihr frappanter Sexappeal und ihr unbändiges neapolitanisches Lachen wurden legendär – und ihr Leben mit dem verheirateten Ponti Zugnummer der Regenbogenpresse.

          „Das Leben ist kein leichtes Spiel“

          1960 lehnte Italiens Filmidol Anna Magnani es ab, in De Sicas „Und dennoch leben sie“ die Mutter der „Sexbombe“ zu spielen. So übernahm Sophia Loren die Rolle der Witwe, die während des Zweiten Weltkriegs nach der Flucht aus Rom mit ihrer dreizehnjährigen Tochter auf dem Land von marodierenden Soldaten vergewaltigt wird – zahllose Filmpreise, als wichtigster der Oscar. Nie wieder spielte sie so erschütternd wahrhaftig.

          Ihr neapolitanisches Lächeln wurde zum Markenzeichen: Sophia Loren, 1963 Bilderstrecke
          Ihr neapolitanisches Lächeln wurde zum Markenzeichen: Sophia Loren, 1963 :

          Selbst Anspruchsvolles, wie „Die Eingeschlossenen von Altona“ nach Sartre, litten unter ihrer weihevollen Starre. Charles Chaplin gelang es, sie – nicht aber ihren Partner Marlon Brando – in „Die Gräfin von Hongkong“ komödiantische Funken sprühen zu lassen. Vor allem aber waren es Mastroianni und die italienischen Schauplätze ihrer Kindheit, dank derer manchmal das Eis brach. Resultat: die Komödienklassiker „Gestern, heute und morgen“, „Scheidung auf italienisch“ – und 1977 Ettore Scolas leise Tragödie „Ein besonderer Tag“, die flüchtige traurige Begegnung der Frau eines römischen Faschisten mit einem die Deportation erwartenden Schwulen.

          Verhaltenheit, wenig Schminke: Auch das konnte die Loren sich mittlerweile leisten, weil sie dem Publikum nicht nur Sex-Idol, sondern auch mütterliche Madonna geworden war. Zwei komplizierte, weltweit mit Schlagzeilen kommentierte Schwangerschaften und die bedingungslose Loyalität für ihren in Steuerskandale verwickelten Mann hatten dafür gesorgt; vor allem Süditaliens Frauen erkannten sich darin wieder.

          Sirene und Mama Italia in einer Person: Das ist das einmalige an dem Phänomen Loren. Es wirkt bis heute: Wer außer ihr hätte sich mit 73 Jahren für den berühmten Pirelli-Kalender zwischen Seidenlaken räkeln können? An diesem Samstag wird Sophia Loren achtzig. „Das Leben ist kein leichtes Spiel“, schreibt sie in ihrer gerade erschienenen Autobiographie, „Man braucht Ernsthaftigkeit und Humor. Eigenschaften, in denen ich mich seit geraumer Zeit übe.“

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