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Sony-Gate bei Wikileaks : Assange entblößt

Aus der ecuadorianischen Botschaft zugeschaltet: Julian Assange richtet sich im März in einer Videobotschaft an sein Publikum in Genf Bild: AFP

Um Julian Assange und Wikileaks war es zuletzt still geworden. Und auch der neue Coup überzeugt nicht. Warum Assange massenweise Sony-Dokumente ins Netz kippt.

          Julian Assange brauchte einmal wieder einen Knaller. Seit fast drei Jahren sitzt er in der Botschaft von Ecuador in London fest, und die großen Entwicklungen laufen an ihm vorbei. Die Welt debattiert über den Whistleblower Edward Snowden und die NSA, der Enthüller Glenn Greenwald bekommt Preise, Enthüllungen gibt es noch und nöcher, Hackerangriffe auf alle und jeden auch, die großen Internetkonzerne bilden ihr eigenes Universum, Politik und Gesellschaft verhandeln die Grundlagen von Privatsphäre, Transparenz und Terrorabwehr.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Doch über Wikileaks und Julian Assange redet niemand mehr. Für jemanden, der einmal glaubte, er werde den Lauf der Welt verändern, erträgt sich das nicht so leicht. Also muss ein neuer Scoop her, und mit dem glaubt Wikileaks jetzt um die Ecke zu kommen, indem die Enthüllungsplattform mehr als zweihunderttausend Dokumente, die Hacker bei der Produktionsfirma Sony Pictures erbeutet haben, ins Internet kippt.

          Es handele sich um 30.287 Dokumente und 173.132 E-Mails aus Schriftwechseln mit mehr als 2200 Adressaten, brüstet sich Wikileaks und meint gerecht zu handeln, weil Sony ein „großes, verschlossenes multinationales Unternehmen“ sei, das Verbindungen zum Weißen Haus, zur Demokratischen Partei und zur Rüstungsindustrie unterhalte. Der Chef von Sony Pictures Entertainment, Michael Lynton, sitze zudem im Kuratorium der Rand Corporation, die das amerikanische Militär und die Geheimdienste berate. Und abgesehen davon, stehe Sony im Zentrum eines „geopolitischen Konflikts“.

          Spielchen in eigener Sache

          Gemeint ist die Kontroverse um den Sony-Film „The Interview“, der von einem dilettantischen Mordkomplott gegen den nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un handelt. Der Film sollte im vergangenen Dezember bekanntlich in die Kinos kommen, kam aber zuerst nicht, weil Hacker massenhaft interne Sony-Dokumente unter die Leute gebracht hatten und das Unternehmen bedroht worden war. Dann lief „The Interview“ doch.

          Nordkorea wird hinter dem Angriff vermutet, bewiesen ist nichts. Ein halbes Jahr später kommt nun also Assange und leert – wie er es früher schon getan hat –, sein Füllhorn aus, ohne Rücksicht auf Verluste. Nun kann jeder, der will, bei Wikileaks nachlesen, welcher Sony-Mitarbeiter wem auch immer was auch immer geschrieben hat. Die Suche ist benutzerfreundlich gegliedert, man kann die Dokumente nach Sachgebieten durchforsten oder nach Namen. Da liegt das Brisante direkt neben dem Banalen. Dinge von allgemeinem Belang neben rein Persönlichem. Geklaut ist alles.

          Wikileaks filtert nicht (zumindest nicht nachvollziehbar), macht keine Unterschiede und damit denjenigen, die sich bei Enthüllungen genau überlegen, was an die Öffentlichkeit gehört und was nicht, das Leben schwer. Durch dieses Vorgehen hat Julian Assange seine früheren Verbündeten in den Medien nach und nach allesamt verloren. Im Innern führt er Wikileaks wie einen Geheimdienst oder eine Sekte, nach außen übt er selbstherrlich eine Vorratsdatenspeicherung ganz eigener Art aus. Und am selben Tag, an dem Wikileaks Sony-Gate öffnet, gibt der Anwalt von Assange bekannt, dass sein Mandant bereit sei, sich in seinem Londoner Exildomizil einem Verhör der schwedischen Polizei zu stellen, die den Wikileaks-Gründer wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung verfolgt. Assange spielt wieder mal Spielchen. Wie es aussieht, nur noch in eigener Sache.

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