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Sonnenfinsternis in China : Pandas in Panik

  • -Aktualisiert am

Die Sonnenfinsternis kann die chinesische Seelenordnung nicht mehr stören Bild: picture-alliance/ dpa

Der Himmel verfinsterte sich, doch China bleibt ruhig. Das von der Wissenschaft aufgeklärte Volk liest die Sonnenfinsternis nicht mehr als Zeichen am Himmel. Nur noch die Pandabären im Zoo von Chengdu lassen sich durch die plötzliche Dunkelheit verwirren.

          Es ist alles gutgegangen, erst mal. Aus Nanchang, der Hauptstadt der Provinz Jiangxi, wurden zwar Fotos bekannt, auf denen alte Frauen in bunter Tracht auf Töpfe und Schüsseln schlagen. Aber ob sie wirklich glaubten, damit den Himmelshund vertreiben zu können, der nach traditioneller Vorstellung die Sonne frisst, steht dahin. Wahrscheinlicher ist, dass sie einem Brauch folgten, der dem Fremdenverkehrsamt ganz zupasskam. Für den Tourismus in den zentralchinesischen Provinzen war die Sonnenfinsternis kein schlechtes Geschäft. Allein nach Suzhou kamen hunderttausend Besucher; die Städte Wuhan und Chengdu verzeichneten zwanzig Prozent mehr Hotelbuchungen als sonst. In Schanghai konnte man schwarze T-Shirts mit Sichelemblem erwerben und in ausgewählten Cafés ein Sonnenfinsternis-Frühstück bestellen. Da es in Schanghai und vielen anderen Gegenden im entscheidenden Moment regnete, hielt sich der metaphysische Effekt des Schauspiels ohnehin in Grenzen.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber das heißt nicht, dass der Himmelsvorgang harmlos war. Der Staatsrat gab eigens ein Zirkular über das Ereignis heraus: Alle Behörden waren aufgefordert, den möglicherweise bösen Folgen der Sonnenfinsternis zu wehren. Außer praktischen Kalamitäten etwa für die Verkehrssicherheit wurden dabei ausdrücklich die Gefahren von Panik und Aberglaube genannt. Die akademischen Institute sollten die wissenschaftlichen Erklärungen des Phänomens deshalb so weit verbreiten wie möglich.

          Spektakel ohne Mythos

          Die Warnung kommt nicht von ungefähr. In keiner Kultur wurden die Gestirne so ausdauernd und mit so weitreichenden Folgen für Politik und Kultur beobachtet wie in China. Da der „Himmel“ nicht als transzendentes Prinzip galt, sondern eher als das, was dem gesamten Leben seinen Zusammenhang gibt, musste jede Störung des normalen Ablaufs als Bruch des Lebens selbst verstanden werden, zumal was den „Himmelssohn“, den alles unter dem Himmel regierenden Kaiser, betraf. Schon im Jahr 2134 vor Christus verzeichneten chinesische Annalen eine Sonnenfinsternis. Sie berichteten auch über das Schicksal der beiden Hofastrologen, die es versäumten, dem Kaiser das Ereignis rechtzeitig vorherzusagen: Sie wurden geköpft.

          Wenn man den bislang bekanntgewordenen Chroniken des gestrigen Tages glauben kann, ließen sich jetzt nur noch die Pandabären im Zoo von Chengdu durch die plötzliche Dunkelheit verwirren. Man beobachtete bei ihnen eine deutlich verminderte Reaktionsschnelligkeit, und einige wollten in der Annahme, es sei Abend geworden, wieder zurück in den Käfig. In Schanghai waren dagegen sogar manche Hunde mit professionellen Sonnenfinsternis-Brillen ausgerüstet. Statt sich von düsteren Vorbedeutungen einschüchtern zu lassen, nutzten viele junge Leute das erinnerungsträchtige Datum, um einen Heiratsantrag zu machen. Die wissenschaftliche Aufklärung scheint das Unheilszeichen erfolgreich in die Gesellschaft des Spektakels integriert zu haben.

          Zeichen am Himmel

          Auf der anderen Seite hatte Wissenschaft auch früher nicht vor kosmologischen Beunruhigungen geschützt. Schon im ersten Jahrhundert hatten chinesische Forscher Sonnenfinsternisse damit erklärt, dass der Mond sich vor die Sonne schiebe, und herausgefunden, dass sich dieser Vorgang regelmäßig wiederholt. Doch diese Entdeckung machte die allgemeine Auffassung, eine Sonnenfinsternis zeige eine Verfinsterung des Kaisers an, keineswegs ungültig. Da man die Sonne mit dem Ehemann und den Mond mit der Frau identifizierte, führte man die Erscheinung auf eine Regellosigkeit im Herrscherhaus zurück, bei der sich der Kaiser zu sehr von seinen Frauen bestimmen lasse. Und auch später machte sich das kaiserliche Orakelwesen alle Methoden wissenschaftlicher Himmelserkundung zunutze, um seine Aussagen immer zuverlässiger zu machen.

          So kam es, dass im Jahr 1644 sogar ein Ausländer, der deutsche Jesuit Adam Schall, zum Direktor des astronomischen Amts in Peking bestellt wurde, nachdem er eine Sonnenfinsternis präzise vorausgesagt hatte. Dieses Datum bezeichnet die Anerkennung der westlichen Wissenschaft von Seiten der höchsten chinesischen Autorität. Zugleich bedeutete es eine Einbeziehung dieser Wissenschaft in die spezielle Kosmologie des Himmelssohns.

          Im Geist der reformerischen Vierter-Mai-Bewegung wurde 1922 die „Chinesische Astronomische Gesellschaft“ gegründet. Aber wer weiß? „Die Wahrscheinlichkeit, dass es im Jahr einer Sonnenfinsternis Unruhen oder Kriege gibt, beträgt 95 Prozent“, schrieb jemand im Webportal Baidu.com. Man beachte die Genauigkeit der Berechnung, mit der die raunende Prophezeiung nunmehr verbunden wird.

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