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Sondierungsgespräche in Berlin : Hoffen auf ein Pfingstwunder

  • -Aktualisiert am

Daumen hoch für den neuen Generalsekretär: Der SPD-Parteivorsitzende Martin Schulz (l.) gratuliert Lars Klingbeil nach dessen Wahl. Bild: dpa

Bei den Sondierungsgespräch findet die Bedächtigkeitsmaxime der Bundeskanzlerin zu ihrer eigentlichen Entfaltung. Aber die jüngst getroffene Prognose des neuen SPD- Generalsekretärs übertrifft die Erwartung selbst der Geduldigsten.

          Man kann nicht behaupten, dass die Berliner Sondierungsgespräche, gleich in welcher Farbkombination, überstürzt geführt würden. Das wenigstens ist als Überzeugung Angela Merkels überliefert: dass Gründlichkeit vor Schnelligkeit gehe – natürlich nicht beim Atomausstieg, nicht bei der Aussetzung der Wehrpflicht und auch nicht bei der Einführung der Ehe für alle; das waren nur inhaltliche, sachhaltige Entscheidungen, und warum sollte man über die länger reden oder überhaupt nur nachdenken als unbedingt nötig?

          Zu ihrer eigentlichen Entfaltung findet Merkels Bedächtigkeitsmaxime aber erst jetzt, wo es um etwas geht, das nach Lage der Dinge kommen muss, aber, aus sozialdemokratischer Sicht, irgendwie nicht kommen darf: eine weitere große Koalition. Dass es in diesem Jahr nichts mehr wird, damit hat man sich – beschwichtigt mit Hinweisen auf die Niederlande und Belgien, wo Regierungen auch ihre Zeit brauchen – längst abgefunden; und die geschäftsführende Bundesregierung wirkt auch nicht amtsmüde. Im Gegenteil, ein gewisses Endzeitbewusstsein, das Wissen darum, dass man zumindest in dieser Form nicht mehr ewig zusammenarbeiten wird, scheint auf alle Beteiligten harmonisierend zu wirken, wenn man von der Glyphosat-Eskapade absieht. Der Laden läuft.

          Doch wenn nicht alles täuscht, hat sich das abwartend Mehltauhafte, das der Merkelschen Republik seit langem schon nachgesagt wird, nun auch auf die alte, „stolze“ (worauf eigentlich noch?) Tante SPD gelegt. Denn mögen auch die Tage dieser real existierenden großen Koalition gezählt sein – und wessen Tage wären das nicht: gezählt? –, es werden noch viele sein. Weihnachten wird darüber vergehen, Silvester und Neujahr samt Heiligen Drei Königen auch, Fasching und Aschermittwoch ebenfalls, Ostern wohl gar, ja, wenn wir Pech haben, auch Pfingsten noch, das ist dann schon ganz tief im Mai, am 20. und 21. genau genommen.

          Eine derart großzügig mit der Zeit umspringende Prognose, eben erst vom neuen, augenscheinlich nicht besoffenen SPD-Generalsekretär abgegeben, geht über die Erwartung selbst der Geduldigsten hinaus. Aber keine Angst, die Tage werden auch im Mai noch tun, was sie schon sehr bald wieder tun werden: Sie werden länger. Und dass es sogar an Pfingsten kälter ist als an Weihnachten, soll auch vorkommen. Gefühlt ist es, sofern das Wetter mitspielt, also praktisch noch Weihnachten, wenn die Tinte auf dem Papier des neuen, innerhalb kurzer Zeit dritten, historisch sogar vierten Vertrags einer großen Koalition getrocknet ist. Man kennt sich eben, deswegen dauert ja alles so lange.

          Was sind auch Monate, Jahre, Legislaturperioden? In der angelaufenen ist schon eine solche Menge Sand durch die Uhr gerieselt, dass sie den Charakter des Vernachlässigbaren stündlich einbüßt. Irgendwann – natürlich erst, wenn die Tage wieder kürzer werden – wird die Frage am Horizont auftauchen, ob es sich überhaupt noch lohnt. Doch was macht die SPD? Stellt den Wecker erst einmal auf Schlummerfunktion. Diese Partei, die ja die Ruhe wegzuhaben scheint, dreht wohl am ganz großen Rad. Oder sie hat eins ab.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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