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Der Sommer in der Kultur (1) : Das Lied vom grausamen Sommer

  • -Aktualisiert am

Der leichte Sommer in Erwartung schwerer Verbrechen: Gwyneth Paltrow und Jude Law in „Der talentierte Mister Ripley“ von 1999. Bild: ddp images/pwe

Diese Jahreszeit ist nicht so leicht, wie man denkt. Man muss nur in den Werken der Kultur nachsehen. Deswegen starten wir eine Serie zum Sommer, bevor er schon wieder vorbei ist.

          Jeder Sommer hat seinen Sommerhit, wörtlich übersetzt als Schlag oder Volltreffer. Der ist kein erfreuliches Ereignis, aber ein unvergessliches. Lieder, Gedichte, Bücher und Filme, die vom Sommer handeln, verbinden beide Elemente: die Nostalgie und das Grauen. Es ist eigentlich egal, ob man sich die feinsten Werke der Hochkultur vornimmt oder einen banalen Popsong. Im Juli 1983 verband die britische Girlband Bananarama beide Elemente in ihrer eingängigen Hymne vom grausamen Sommer: „Cruel Summer“.

          Es ist kein besonders wertvolles Lied, dafür ein wahres. Der Beginn dieser vergessenen Dekade lag noch im tiefen Kalten Krieg. Es gab drei Fernsehprogramme und Sendeschluss, Helmut Kohl fing gerade erst an. Was auch immer später in Bewegung geraten würde, im Sommer 1983 war davon noch nichts zu spüren, und das sollte auch noch sechs bleierne Jahre lang so bleiben.

          Und heiß war dieser Sommer, einer der heißesten und längsten des Jahrhunderts. Die Musik immerhin bewegte sich, die Popsongs sind in dieser verqueren, wie zugeparkten, auch irrelevanten Epoche noch das frischeste. Vielleicht auch, weil das ganz große Geld sich noch nicht über die Branche und die Künstler hergemacht hatte. Es konnte etwas versucht werden, es hing nicht gleich eine Aktiengesellschaft an jedem Album.

          Grausamer als die Polizei erlaubt

          Wenn man sich heute das Video zu „Cruel Summer“ im Netz ansieht, staunt man. Es ist, als sollte die beschworene Grausamkeit durch eine Lieblosigkeit der Inszenierung und die Gleichgültigkeit der Handlung vermittelt werden. Der beklagte Sommer findet in New York statt, aber man sieht davon nur eine Tankstelle und diverse Feuerleitern. Dort tanzen die drei Bandmitglieder – heute allesamt Kandidatinnen für die Rubrik „Was macht eigentlich?“ – in weiten Latzhosen. Ihre Gesichter sind wegen ihrer Frisur – das ist die, die auch Madonna zu Beginn ihrer Karriere trug – nicht zu sehen: Sie tanzen unentwegt, wobei auch dem Laien ersichtlich ist, dass sie es nicht besonders gut können.

          Eigentlich schwingen sie bloß ihre Arme über den Kopf, winkeln sie an und hüpfen vor und zurück in einer ostentativen Albernheit, die zum Sinn des Lieds in einem eklatanten Missverhältnis steht. Später werden Polizisten mit Bananenschalen beworfen. Offenbar waren Videos damals noch nicht so wichtig. Wichtig ist nur der Refrain:

          Grausam ist der Sommer, grausamer, als es die Polizei erlaubt. Schon in der englischen Bill of Rights von 1689 sind „grausame und unübliche“ Strafen verboten, der achte Zusatz zur amerikanischen Verfassung griff, wie Krimifans wissen, diese Wortwahl dann auf. Dass die Grausamkeit so oft verboten werden muss, zeugt von ihrer anhaltenden Resilienz unter den Menschen. Doch nicht von der sozialen Grausamkeit durch Folter kündet das Lied, sondern von der existentiellen der heißen Jahreszeit.

          Die Tage sind zu lang, Auswege nicht in Sicht

          Im Songtext werden einige Erklärungen versucht: Die Stadt ist leer, auch der geliebte Mensch fehlt, außerdem ist die Luft zum Atmen zu dick oder zu dünn. Aber in so einer Lage, mitten im tobenden, wütenden Sommer, ist eine Analyse die Pest, noch mal extra grausam. Den Tatbestand im Refrain festzustellen genügt völlig.

          Die existentielle Grausamkeit des Sommers kennen deutsche Leser aus Gottfried Benns „Einsamer nie als im August“. Es gibt ja nicht so viele Sommergedichte. Herbst, Frühling – da kann man die Dynamik dieser Jahreszeit für das lyrische Fortkommen nutzen, ein Versprechen ahnen. Der Sommer ist dagegen, so Benn distanziert, die „Erfüllungsstunde“. Differenzierte Empfindungen und Gedanken, etwa solche der Skepsis oder des Humors, sind nicht mehr gefragt.

          Überhaupt ist es für Dichter dann schwer: Als Benn das Gedicht schrieb, war eine Mehrheit seiner Landsleute in der Landwirtschaft beschäftigt oder auf den vom NS-Staat so großzügig subventionierten öffentlichen Bauprojekten. August war keine Urlaubs-, es war die wichtigste Arbeitszeit. In Lesungen ging abends jedenfalls niemand mehr, und nach einem Tag körperlicher Arbeit sann man auf Erfrischung, nicht auf Lyrik. Seine geliebten dunklen Gaststätten leer, dafür die Terrassen voller alberner Zeitgenossen, die nicht nach Hause gehen. Die Tage sind zu lang, Auswege sind nicht in Sicht.

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