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Sommer in Deutschland : Wenn die Lava gefriert, wird es übel

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Was wäre, wenn man sich die Hitze als Kälte imaginierte, wie Julio Cortázars literarische Figur Horacio Oliveira? Bild: dpa

Man träumt von Vulkanausbrüchen, kämpft gegen die einsetzende Verwesung und versucht, sich die Hitze mit Autosuggestion erträglicher zu machen: Eine Betrachtung zur Sommerlage in Deutschland.

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          Ich schwitze und denke an das Ehepaar Katia und Maurice Krafft, das Werner Herzog kurz in seiner Dokumentation „In den Tiefen des Infernos“ zeigt. Die Wissenschaftlerin und der Wissenschaftler hatten es sich zur Lebensaufgabe gemacht, auf der ganzen Welt ausbrechende Vulkane zu bereisen und zu untersuchen. Durch ihre enorme Risikobereitschaft schafften sie es immer wieder, unnahbare Aufnahmen von schäumender, explodierender, zähflüssiger Lava zu machen. Wie Astronauten gaben sie sich unerschrocken der außerirdischen Hitze hin, in spiegelnden Schutzanzügen, am Rand von glühenden Kratern, angebrüllt von köchelndem Magma. Rotleuchtende Schmelze, die in Fetzen durch Rauch nach oben fliegt, fast ohne Schwerkraft zu kennen, in der massivsten Übersteuerung des Möglichen. 1991 starben Katia und Maurice, als sie Aufnahmen und Untersuchungen am japanischen Vulkan Unzen machten; sie wurden, mit 41 weiteren Menschen, von einem pyroklastischen Strom erfasst, einer Lawine aus Gestein und Gasen, die über 450 Grad erreicht.

          Wie ein Dschungel, der uns wuchernd umgibt

          Wir kommen uns gerade auch vor, als würden wir die massivste Übersteuerung des Möglichen erleiden, als wäre alles ein existentielles Hemmnis, wie ein Dschungel, dem wir ausgesetzt sind und der uns wuchernd umgibt mit seinem Unterdruck; dabei befinde ich mich in Bayern, das im Hochsommer noch schwammiger ist als sonst eh schon immer – ohne vulkanische Aktivität, die Hitze hier ist eine innere, vielleicht ein Brodeln der Idiotie. Und auch nachts kühlt es nicht runter, weshalb wir nicht damit aufhören können, gegen die einsetzende Verwesung anzukämpfen, was aber auch dazu führt, dass ich mich klarer erinnern kann an das, was in mir passiert, während ich direkt unterhalb der Oberfläche schlafe: Ich habe beispielsweise von Vulkanausbrüchen geträumt – und gleichzeitig, dass ich mit dem Fahrrad durch eine dunkle, leere Stadt fahre, begleitet von meinem Freund Oliver. Es war kühl. Eigentlich war ich verabredet, aber dann glitten wir lange auf mehrspurigen Straßen dahin, während die meisten Ampeln ausgeschaltet waren. Und ich weiß noch, wie sich der Fahrtwind anfühlte, nämlich anders als alles, was uns derzeit umgibt.

          Und wenn ich an Katia und Maurice denke, habe ich das Gefühl, dass wir gar nichts aushalten, sondern nur missmutig sind, in diesem seltsamen Sommer; oder dass wir viel mehr aushalten könnten, wenn es nötig wäre – weil es genug Art-Genossinnen und Art-Genossen gibt, die jeden Tag viel mehr aushalten müssen, wegen uns. Denn ich schlurche gerade mit Chris durch die Nürnberger Straßen, soweit es geht im Schatten, und wir halten Ausschau nach gekühlten Softdrinks, deren Namen wir im besten Fall nicht aussprechen können. Wir gehen in Geschäfte, und Deckenventilatoren rotieren. Die Luft ist dickflüssig. Uns gelingt es nicht, solche fremdartigen Softdrinks, die unsere Sprachkenntnis übersteigen, zu finden, was schade ist. Was ist das für eine seltsame Stadt, die sich nur aus leicht verschobenen Wiederholungen zusammensetzt, aus weichem Asphalt? Ich denke, dass es uns gutgeht, solange die Hitze nicht in unserem Bewusstsein mutiert und sich als etwas Fremdartiges darstellt, als etwas Gekipptes.

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